Page - 226 - in Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
Image of the Page - 226 -
Text of the Page - 226 -
Ausnicht ganz uneigennĂŒtzigenGrĂŒndenwollte Schaukal, dass eine ganz be-
stimmte Klasse nicht nur politische und gesellschaftliche Herrschaft ausĂŒbt,
sondern auch kulturell dominiert und die Kunstproduktion beeinflusst. Die
Verbindungvonpolitischer,wirtschaftlicherundkulturellerHerrschaft,wie sie
vor der Ăkonomisierung und Industrialisierung von Kunst bestanden habe,
sollte restauriert werden. Nicht die Zeitung oder bĂŒrgerlicheMĂ€zene, sondern
staatliche,kirchlicheoderadeligeFördergeberhĂ€ttendaskĂŒnstlerischeFeldzu
strukturieren, um â so die kultur-, aber auch kapitalismuskritische Illusion
Schaukals â Kunst vor einer kommerziellen Vereinnahmung zu bewahren.
âWahre Freiheit kann einemStaatswesennur ein bedeutender aristokratischer
Staatsmann gewÀhren, der den Schwindel der falschen Freiheit, die verdum-
mende Dogmatik des Zeilenliberalismus bis auf den seichten Grund durch-
schaut [. . .]. Das Aristokratische ist unwiderleglich wie alles NatĂŒrlicheâ, so
AndreasBalthesser ineinerDiktion,diemitAntonioGramscisBegriff desorga-
nischenIntellektuellenkorreliert.547
ĂhnlichwieBourdieubezeichnet auchGramsci in seinen zwischen 1929und
1935verfasstenfragmentarischenGefÀngnisheftendieentscheidendenAustragung-
sorte fĂŒr Klassenkonflikte als âFelderâ.Wesentlich fĂŒr dieVerbreitungundUnter-
stĂŒtzung einer Ideologie sei die Presse, nicht nur Zeitschriften und Zeitungen,
sondern die gesamte literarische wie wissenschaftliche Publikationslandschaft,
Bibliothekenâmandenkenurandie vonSchaukal soverachtetenLeihbibliothe-
kenâ,548Schulen,ClubsundZirkel.AuchFelderwiedieArchitektursiehtGramsci
als IdeologietrÀger, die zurDurchsetzungklassenspezifischer Interessenundzum
Machterhaltbeitragen.549DamitsindBereicheangesprochen,die fĂŒrSchaukalvon
grundlegenderBedeutungwaren. InVerbindungmitGramscisHegemonie-Begriff
zeigt sich, dass derDichter, Kritiker undBeamte denWert der kulturellenDomi-
nanzfĂŒreineangestrebtestĂ€ndestaatlicheOrdnungbegriffenhat.
Der von den Faschisten inhaftierte neomarxistische Intellektuelle Gramsci
suchtewĂ€hrendseinerGefangenschaftnachErklĂ€rungenfĂŒrdasAusbleibenre-
volutionÀrerErhebungenzuBeginndes 20. Jahrhunderts indenwest- undmit-
teleuropÀischen LÀndern. Er kam unter anderem zu dem Schluss, dass nicht
nur ökonomische Bedingungen, sondern auch kulturelle Faktoren dieHeraus-
547 Schaukal:LebenundMeinungendesHerrnAndreasvonBalthesser. In:WE.Bd.2,S. 268.
548 Vgl. Schaukal: Zettelkasten eines Zeitgenossen. Aus Hans BĂŒrgers Papieren. MĂŒnchen
1913,S.38â39.
549 Vgl. Antonio Gramsci: GefÀngnishefte. Kritische Gesamtausgabe. 10 Bde. Hg. von Klaus
BochmannundWolfgangFritzHaug.Hamburg1991â2002.Bd.2 (1991),H.3, §(49),S. 373.
226 III Schaukal inNetzwerkenundFeldernderModerne
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik