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Ausnicht ganz uneigennützigenGründenwollte Schaukal, dass eine ganz be-
stimmte Klasse nicht nur politische und gesellschaftliche Herrschaft ausübt,
sondern auch kulturell dominiert und die Kunstproduktion beeinflusst. Die
Verbindungvonpolitischer,wirtschaftlicherundkulturellerHerrschaft,wie sie
vor der Ökonomisierung und Industrialisierung von Kunst bestanden habe,
sollte restauriert werden. Nicht die Zeitung oder bürgerlicheMäzene, sondern
staatliche,kirchlicheoderadeligeFördergeberhättendaskünstlerischeFeldzu
strukturieren, um – so die kultur-, aber auch kapitalismuskritische Illusion
Schaukals – Kunst vor einer kommerziellen Vereinnahmung zu bewahren.
„Wahre Freiheit kann einemStaatswesennur ein bedeutender aristokratischer
Staatsmann gewähren, der den Schwindel der falschen Freiheit, die verdum-
mende Dogmatik des Zeilenliberalismus bis auf den seichten Grund durch-
schaut [. . .]. Das Aristokratische ist unwiderleglich wie alles Natürliche“, so
AndreasBalthesser ineinerDiktion,diemitAntonioGramscisBegriff desorga-
nischenIntellektuellenkorreliert.547
ÄhnlichwieBourdieubezeichnet auchGramsci in seinen zwischen 1929und
1935verfasstenfragmentarischenGefängnisheftendieentscheidendenAustragung-
sorte für Klassenkonflikte als ‚Felder‘.Wesentlich für dieVerbreitungundUnter-
stützung einer Ideologie sei die Presse, nicht nur Zeitschriften und Zeitungen,
sondern die gesamte literarische wie wissenschaftliche Publikationslandschaft,
Bibliotheken–mandenkenurandie vonSchaukal soverachtetenLeihbibliothe-
ken–,548Schulen,ClubsundZirkel.AuchFelderwiedieArchitektursiehtGramsci
als Ideologieträger, die zurDurchsetzungklassenspezifischer Interessenundzum
Machterhaltbeitragen.549DamitsindBereicheangesprochen,die fürSchaukalvon
grundlegenderBedeutungwaren. InVerbindungmitGramscisHegemonie-Begriff
zeigt sich, dass derDichter, Kritiker undBeamte denWert der kulturellenDomi-
nanzfüreineangestrebteständestaatlicheOrdnungbegriffenhat.
Der von den Faschisten inhaftierte neomarxistische Intellektuelle Gramsci
suchtewährendseinerGefangenschaftnachErklärungenfürdasAusbleibenre-
volutionärerErhebungenzuBeginndes 20. Jahrhunderts indenwest- undmit-
teleuropäischen Ländern. Er kam unter anderem zu dem Schluss, dass nicht
nur ökonomische Bedingungen, sondern auch kulturelle Faktoren dieHeraus-
547 Schaukal:LebenundMeinungendesHerrnAndreasvonBalthesser. In:WE.Bd.2,S. 268.
548 Vgl. Schaukal: Zettelkasten eines Zeitgenossen. Aus Hans Bürgers Papieren. München
1913,S.38–39.
549 Vgl. Antonio Gramsci: Gefängnishefte. Kritische Gesamtausgabe. 10 Bde. Hg. von Klaus
BochmannundWolfgangFritzHaug.Hamburg1991–2002.Bd.2 (1991),H.3, §(49),S. 373.
226 III Schaukal inNetzwerkenundFeldernderModerne
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik