Page - 231 - in Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
Image of the Page - 231 -
Text of the Page - 231 -
soziale Partei vor, die gegen die „Masse der Proletarier“mehr ausrichte als
„tausendeinzelne“.563
Kurz darauf ließ Schaukal auch dieses Vorhaben fallen, wozu ihm Essig-
mannmerklicherleichtertbeglückwünschte.Bereitsam6.Dezember 1918hatte
ergeraten,Schaukal solle einen„Strohmann inspirieren“,wenner„aufdieGe-
staltungpolitischerDinge einwirkenwolle“.564 Auch einen agitatorischenAuf-
ruf andieDeutschösterreicherweigerte sichEssigmann zuunterzeichnenoder
imGewissen abzudrucken.565 Schaukals politischesWirken blieb also auf den
kulturellenBereichbeschränkt.
SeinepolitischenBemühungenstießen imBekanntenkreismitunteraufnega-
tive Resonanz. Arthur Schurig zählte zu den größten Skeptikern von Schaukals
Engagement nach demKrieg, an demdieser als Offizier an der Front in Belgien
undFrankreichteilgenommenhatte,währendSchaukalaufgrundeinesMagenlei-
dens und seiner höheren Beamtenposition nicht einberufen worden war. Er
konnte nicht nachvollziehen, warum sein Dichterfreund politische Artikel ver-
fassteundnunsogarPolitikerwerdenwollte,566denndieTätigkeit impolitischen
FeldwürdedieChancenauf literarischenErfolgdrastischsenken.567Schurigprog-
nostizierte Schaukal, dass sich seinAntisemitismushinderlich auf dieVerlagssu-
cheauswirkenwerde. Zwarwollte er sichbeiKippenbergwegeneinermöglichen
Publikationeinsetzen,zugleichgaberaberzubedenken:„IhrepolitischeTätigkeit
passt nicht in die Insel.“568 Der Briefwechsel zwischen Schurig und Schaukal
nahmüberdie Jahre einenschrofferenTonan,dieKonflikte entzündeten sichan
deraufdenMarktundnichtaufwissenschaftlicheEditionsrichtlinienausgerichte-
ten Chamisso-Ausgabe, die Schurig 1920 herausgegebenhatte. Inoffiziell dürften
aberauchSchaukalspolitischesEngagementunddieEnttäuschungdarüber,dass
Schurig ihnnichtandenInsel-Verlagvermittelnkonnte, ausschlaggebend fürdie
Entfremdunggewesensein. Ineinemder letztenBriefe schreibt erSchaukal: „Ich
empfinde geradezuAbneigung,wenn ich Ihre journalistischenErgüsse lese.Und
ichverliere fastdenMut, IhreGedichte,die icheinstgerngelesenhabe, jewieder
indieHandzunehmen,weil ichdieVisionvomPolemiker Schaukal dabei habe
undmirderKünstlerentschwebt.“569
563 BriefEssigmannsanSchaukal, 16.Dezember1918,S-NL,WB.
564 BriefEssigmannsanSchaukal,6.Dezember1918,S-NL,WB.
565 Vgl.EssigmannsBriefanSchaukal,9.Dezember1918,S-NL,WB.
566 Vgl.denBriefSchurigsanSchaukal, 28. Januar1919,S-NL,WB.
567 Vgl.denBriefSchurigsanSchaukal, 19.Dezember1919,S-NL,WB.
568 Brief Schurigs an Schaukal, 24. August 1919, S-NL, WB; Hervorh. im Orig. als Unter-
streichung.
569 BriefSchurigsanSchaukal, 10. Juli 1921,S-NL,WB.
10 Exkurs:SchaukalalsVermittlerzwischenKunstundPolitik 231
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik