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Ein weiterer ideologischer Gesinnungsgenosse Schaukals war der zu Leb-
zeiten vielgelesene, heute nahezu vergessene Schriftsteller Emil Strauß. Der
Freund von Hermann Hesse wechselte seit 1902 bissige Briefe mit Schaukal,
dessenBücher er als „artistisch conventionelleManier“ einer ästhetizistischen
Modeabkanzelte.570SchaukalsKontaktaufnahmeistunteranderemdamitzube-
gründen,dassStraußbereitseinangesehenerAutordesFischer-Verlagswar.Der
Briefwechsel wurde unregelmäßig fortgesetzt, bis es aufgrund einer Negativre-
zension1923zumBruchkam.StraußhatteSchaukal seinDramaVaterlandzuge-
schickt, und dieser kritisierte die dramenästhetischen Schwächen harsch: Das
Theaterstück sei „gestalteteundkonstruierte Litteratur“, enthalte „zuviel unbe-
lebtes Ideematerial“, imitiere bereits existierendeStücke, sei reine Tendenzund
im Grunde genommen nicht mehr wert als das Papier, auf dem es gedruckt
wurde;nachdemerstenAkthabeeraufgehört zu lesen. SchaukalsKritikpunkte
sind nicht im Original erhalten, doch Strauß zitierte sie im Antwortschreiben.
Ausdiesemgehtnichthervor, obSchaukalsKritik vordergründigauf technische
Schwächen oder auch auf die darin anklingende nationalsozialistische Position
des Verfassers abzielte. WenigeWochen nachHitlers gescheitertem Putschver-
such inMünchenwarf StraußSchaukal imGegenzugvor, nicht zwischenGesin-
nungsfreundundFeindunterscheidenzukönnen:
Sie gehenmitHerren, die fünfzig oder hundert Jahre tot sind, unentwegt verehrungsvoll
mit durch ihre bedenklichen Langweilereienundhabennoch ein begütigendesWort für
ihre ödesteRoutine (ichmeineStifter undHoffmann, die ich sehr verehre), aberwir, die
wir in so viel ungünstigerer [. . .] Zeit arbeitenmüssen,wir haben solcheNachsicht und
Einfühlungvielnötiger [. . .].571
Schaukals kulturpolitischer Aktivismus nahm zu Beginn der 1920er Jahre zu
understreckte sichvor allemaufÖsterreich.Diesdrückte sichauch indenab
Mitteder 1920er JahreausgestrahltenRadiobeiträgenaus. SosprachSchaukal
zum Beispiel 1927 gemeinsammit Emil Lucka (1877–1941) über die Arbeits-
plänederWienerVolksbildungsanstalten.572 EinenAktder Solidaritätmit der
politischen Führung inWien stellten seine „Weiheverse zur Enthüllung des
Denkmals für Dr. Karl Lueger“ (1844–1910) dar. Das für den am 18. Septem-
ber 1926 im Burgtheater abgehaltenen Festakt verfasste Gedicht wurde am
570 BriefStrauß’anSchaukal,August 1902,S-NL,WB.
571 BriefStrauß’anSchaukal,Dezember1923,S-NL,WB.
572 DieAusstrahlungerfolgteam28.Mai 1927um18:05UhrunddauerteeineStunde.Vgl.die
Ankündigung in der Arbeiter-Zeitung vom 22. Mai 1927, S. 11. Die Mitteilungen der Richard-
Schaukal-Gesellschaftverzeichnenzwischendem9.November 1934unddem7.April 1936 ins-
gesamt8Radiovorlesungen fürdenWienerRundfunk (RAVAG). Schaukal sprachüberDichter
undlaseigeneGedichtevor.
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Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik