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nächstenTag inderReichspostabgedruckt.573 Inden1920er Jahrenbegrüßten
nationale Zeitungenwie dieReichspost, „daß immer stärker der Österreicher
in ihm durchbricht. Angeleimte und angeklebte Schlacken fallen allmählich
ab, der Kern liegt offen glühend zutage und die Umwege führten doch zum
Ziel:dasösterreichischeHerzpulstunsentgegen.“574
SchaukalsEinsatz fürdieBewahrungundfürdieBewahrereiner„legitimen“
Kultur (Bourdieu) richtete sich dabei vor allemund immerwieder gegendas Ju-
dentum. SeineAntisemitismen sindAusdruck einer Strategie der Neupositionie-
rung im künstlerischen Feld, das von einer starken Spannung aus Etablierten
undsichEtablierendenbestimmtwar.Dassdiese inallenFeldernausgetragenen
Kämpfenicht einfachnurgenerationalenUrsprungswaren (JunggegenAlt) oder
auf ungleichem Einkommen beziehungsweise unterschiedlichen strukturellen
Mittelnberuhten (ReichgegenArm), ist einentscheidenderPunkt.DieAuseinan-
dersetzungen im literarischen Feld wurden am erbittertsten zwischen Personen
derselben Schicht geführt, weil ihre Voraussetzungen ähnlich waren und ihre
Machtinstrumente–Kapitalvolumenund-struktur–kaumdivergierten.Diemaß-
gebliche Differenzierung erfolgte unter anderem über nicht rational vollzogene
Unterteilungen in christlich-deutschnationale und imweitesten Sinne ‚jüdische‘
Akteure.KarlLuegersAusspruch„WereinJudist,dasbestimmeich“untermauert
diesezynischeGrundhaltungeinerDistinktionsweise,575dienichtnur fürdiePoli-
tik, sondern auch für den kulturellen Bereich galt. Dort, wo soziale Distinktion
nichtmöglichwar,weil sichdieAkteure strukturell zusehrähnelten,wurdeeine
ethnisch-religiöse Grenze gezogen. Profilierung erfolgte über hetzerischeAbwer-
tungsdiskurse.Darin liegteineParallelezurgegenseitigenDiskreditierungvonin-
tellektuellen Frauen und jüdischen Männern um 1900, die damit das Ziel
verfolgten,überdieAusgrenzungdesanderensichselbstzuprofilieren.576
Die antisemitischen Bekundungen Schaukals sind Teil eines diskursiven
KampfesmitAkteuren,dievielleichtwirklichbesservernetztwarenoderganz
generell eine vorteilhaftere Kapitalsortenstruktur aufweisen konnten. Sein
Essay Karl Kraus. Versuch eines geistigen Bildnisses kann in diesem Zusam-
menhangalsAusdruckverborgener rassistischerDiskursebezeichnetwerden;
573 Vgl. Schaukal:Weiheverse. Zur EnthüllungdesDenkmals fürDr.Karl Lueger. In: Reichs-
post,Nr. 256/1926 (19.September1926),S. 15.
574 Dr.M.Enzinger:HoffnunginÖsterreich. In:Reichspost,Nr.74/1923 (17.März1923),S. 1.
575 Vgl. JudithFritz:„Werein Jud ist, dasbestimme ich“. Der christlichsozialeAntisemitismus
Karl Luegers. https://ww1.habsburger.net/de/kapitel/wer-ein-jud-ist-das-bestimme-ich (zuletzt
aufgerufenam31. Juli2019).
576 Vgl.ChristinavonBraun:VersuchüberdenSchwindel.Religion,Schrift,Bild,Geschlecht.
Zürich2001,S.497.
10 Exkurs:SchaukalalsVermittlerzwischenKunstundPolitik 233
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik