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einer auf sich selbst zurückgeworfenen Genialität ein Stück weit revidierte.
Schaukalkonzediertezwar,dasses für seine„Bekenntnisangelegenheiten“einer
Adressatengruppebedurfte, jedochwären„Buch,Brief,Gespräch [...], Selbstge-
spräche vor Zuhörern [Dinge], auf die esmir nicht ankommt, diemir aber dazu
alsMittelnotwendigsind.“3
SeinBekenntnisdrangverbandsichmitdemBewusstsein, Teil einergesell-
schaftlichenGruppierungzusein, vonder es sich schreibendeinStĂĽckweit zu
distanzierengalt. BourdieubeschreibtdiesmitBlickaufFlaubert folgenderma-
ßen: „Schreiben setzt alle Determinierungen, alle grundlegenden Zwänge und
Beschränkungendes gesellschaftlichenDaseins außerKraft.“4 Gesellschaftlich
zu existieren bedeute, sozial markiert zu sein und von Gruppen abzuhängen,
von ihnengehalten zuwerdenund sich an sie zuhalten, kurz: „ihnen zuzuge-
hören, in Netzwerke sozialer Beziehungenmit der Objektivität, Undurchdring-
lichkeit,Beständigkeit einesDingseingebundenzusein,die sich inGestalt von
Verbindlichkeiten,moralischenSchulden,Pflichten,alsoKontrollenundZwän-
gen in Erinnerung bringen.“5 Entsprechend der individuellen Möglichkeiten
können diese Zwänge und sozialen Konventionen jedoch künstlerisch über-
wundenwerden,soBourdieu.6
SchaukalsWerk ist nicht allein von konventionellenNarrativen ĂĽber histori-
scheoderdieeigeneGrößegeprägt,eszeigtaucheinebisweilendifferenzierteAuf-
fassungvonBiographiewürdigkeit, auf die zumBeispiel seineEin-Satz-Erzählung
„Biographie“ aus dem Jahr 1902 anspielt, die den teleologischen Lebensverlauf
eines liberalenGroĂźbĂĽrgers karikiert. Zwar verehrte Schaukal sowohl prominente
Historiographendes 19. Jahrhunderts (Carlyle,Mommsen, Treitschkeundandere)
als auch Protagonisten des literarischen Kanons (vor allemGoethe und Schil-
ler). Aber noch viel stärker identifizierte er sichmit der Ästhetik undBiogra-
phie von Dichtern, die es um 1900 ein wenig wiederzuentdecken galt.
Schaukals biographischer Auseinandersetzungmit E. T. A. Hoffmann, Hein-
richvonKleist, EduardMörikeoderWilhelmRaabe (1831–1910) liegtdieGeste
des schöngeistigen Dilettantismus eines insgeheim doch intellektuellen Ex-
pertengesamteuropäischerLiteraturgeschichte zugrunde.WiedieDichterdes
JungenWien vertrat auch Schaukal die Auffassung, „über nicht weniger als
die gesamte abendländische Kultur seit der Antike verfügen zu können.“7
3 Schaukal:BeiträgezueinerSelbstdarstellung,S. 1.
4 Bourdieu:DieRegelnderKunst,S.58.
5 Bourdieu:DieRegelnderKunst,S.58–59.
6 Vgl.Bourdieu:DieRegelnderKunst,S. 58–59.
7 Gotthart Wunberg: Einleitung. In: Die Wiener Moderne. Literatur, Kunst und Musik zwi-
schen1890und1910.Hg.vonGotthartWunberg.Stuttgart 1981,S. 11–79,hierS.61.
ZusammenfassungderErgebnisse 237
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik