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Dabei versuchte er denKanon auszuweiten, indemer zumBeispiel Romantik
ineinenerweitertenKlassikbegriff integrierte:
In der seit einigen Jahren bei uns um sich greifenden Begeisterung fĂŒr die romantische
Schuleâkaumhates je eineminder zutreffendeBezeichnunggegeben;eherkönnteman
von einer klassischen âSchuleâ sprechen, die Romantikerwaren lauter Einzelne, Indivi-
dualistenâsteckteingutTeilSnobismus. [. . .] Er istalsokeincharakteristischesMerkmal
jenerRenaissancederRomantik.Abermandarf vonseinerwiderlichenExistenznichtab-
sehen. Es ist gewiĂ richtig: der banale Naturalismus â die Deutschen hatten, grĂŒndlich
undgrob, IbsenmiĂverstandenâmuĂte eineGegenbewegunghervorrufen. Aber die so-
genannte Neuromantik war darum noch nicht Erlösung, weil sie einen Gegensatz vor-
stellte. Siewaretwasanderes, etwasvergleichsweiseNeuesundâzogâ. Sie istdahin [. . .],
dahin wie der RĂŒpelreigen der âKonsequentenâ [Naturalisten, CM], Sie muĂte an ihrer
Blutleereumkommen.DieTreibhausblĂŒteeinerschwĂŒlenNacht.Nichtsmehr.8
DieStreichungdesPrĂ€fixes âNeuâunddieZusammenfĂŒhrungderEpochenbegriffe
RomantikundKlassik hÀngtmit Schaukals gedehntemGenerationenverstÀndnis
zusammen,demnichtnureineĂ€sthetische,sondernaucheinezeitkritische, rĂŒck-
wÀrtsgewandteNoteanhaftete. IndemerdieGenerationslagerungextremauswei-
tete und sich in einen Zusammenhangmit Dichtern vergangener Jahrhunderte
stellte, konstituierte er einen generationalenZusammenhang, der denGeneratio-
nenwechsel nicht nach biologischmessbaren Alterskriterien bestimmt, sondern
nach geistig-Ă€sthetischer Ăbereinstimmung. Schaukal fĂŒhlte sich etwa Novalis
verbundener als denmeisten seiner Zeitgenossen.9 Jene selbstbezogene Stilisie-
rung der Vergangenheit, die Schaukal auch fotografisch inszenierte, wurde hier
alsnostalgischerAusdruckundAnachronismusbeschrieben.DiePortraitfotogra-
fien etwa waren beliebte Mittel, um Verbindlichkeiten herzustellen und dem
SchreibeneinepersönlicheNotezuverleihen.
DieAnalysevonSchaukalsKorrespondenzenfĂŒhrtedabeizudemErgebnis,
dass dieKanten seiner Netzwerke zwar sehr weitreichend, in aller Regel aber
strukturell schwach waren. Vor allem die Verbindung zu Thomas Mann ver-
deutlichteineVerÀnderungvonzunÀchstsymmetrischverlaufendenAustausch-
prozessen(Informationenwerden ingleicherQualitÀtgegebenundempfangen)
zuasymmetrischen (einseitiger Informationsfluss).
Ăber denKontakt zu Thomas undHeinrichMannwollte sich Schaukal im
literarischenFeld des deutschenKaiserreichs etablieren. Dortwarendie recht-
lichen und ökonomischen Bedingungen fĂŒr den Buch- und Zeitschriftenmarkt
gĂŒnstiger als inĂsterreich.Die Zusammenarbeitmit dem Illustrator undMaler
8 Schaukal:E.T.A.Hoffmann,S.275.
9 Vgl.Schaukal:FrankWedekind.EinePortrÀtskizze. In:WE.Bd.5,S.66.
238 ZusammenfassungderErgebnisse
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik