Page - 241 - in Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
Image of the Page - 241 -
Text of the Page - 241 -
demDichterkreis des JungenWien zwar bedingt zugerechnetwerden, über die
geistige Verbindung hinauseichende, dauerhafte persönliche Kontakte kamen
jedochnichtzustande.
Entgegen Schaukals autonomieästhetischer Positionierung spielte ökono-
mischer Erfolg sehr wohl eine Rolle in den Briefwechseln, wie die Korrespon-
denz mit Thomas Mann oder Hermann Hesse zeigt. Doch an seinem eigenen
Anspruch gemessen kann nicht von einem erfolgreichen Karriereverlauf als
Schriftsteller dieRede sein. Dies istmit SchaukalsAusscheidenausdenkultu-
rellen Transferprozessen nach 1918 zu begründen, die ihm vor dem Krieg als
Vermittler (auchalsÜbersetzer) undVermitteltemzugutekamen.Auffallend ist
zudem, dass Schaukal gerade in der Hochphase seiner literarischen Betrieb-
samkeitnicht sonderlichoft (beruflich) reiste,wohingegenHermannBahrs lite-
rarisches Prestige auch auf seine internationale Vermittlertätigkeit und eine
damitverbundenehoheMobilität zurückzuführen ist.13
Schaukal versuchte in den ersten zwei Jahrzehnten seines beruflichen wie
dichterischen Schaffens, Kunst undGeldmiteinander zu vereinbaren.14 SeinBe-
amtenberuf, die vorteilhafteHochzeit und eine Erbschaftmachten ihn finanziell
unabhängig, sodass er sich als Schriftsteller relativ frei entfalten konnte. Es ist
kein Zufall, dass die frühen Jahremit seiner kreativstenSchaffensphaseundder
intensivstenNetzwerktätigkeit zumaßgebendenVerlagen, Zeitschriften, Vereini-
gungen,KünstlernundArchitektenderModerne zusammenfallen. Bis etwa 1918
verbuchte er für alle Kapitalsorten Zuwächse, sozial und ökonomisch, kulturell
wiesymbolischgewannerEinsatzmittel fürseineHandlungenundPositionierun-
gen inunterschiedlichenFeldern,nichtnur imliterarischen.Dashängtvorallem
mit seiner Tätigkeit alsAutor für diverse ZeitungenundZeitschriften zusammen.
Ein zentraler Gedanke in BourdieusDie Regeln der Kunst ist dem entsprechend,
dass Künstler ihreWerke ab derMitte des 19. Jahrhunderts zwei zentralen Ver-
mittlungsinstanzen unterordnenmussten, da die ehemals imKunstfeld herrsch-
endenFördergeber, also adeligeundkirchlicheMäzene,weggefallenwaren:Vor
allemder Journalismus,aberauchSalonsbestimmtenzunehmenddieneuen ‚Re-
gelnderKunst‘undbeeinflusstendieVermittlungundDurchsetzungbestimmter
Geschmacksvorstellungen.15 InWienwarenum1900außerdemKaffeehäuserund
Gaststätten Orte der ästhetischen Geschmacksbildung und -findung sowie der
sozialen Vernetzung. Schaukalwar in einigenwesentlichen, für die Etablierung
im Feld der Literatur wichtigen Orten und Instanzen absent. Weder fand er
13 Vgl.Bachleitner:EinesoziologischeTheoriedes literarischenTransfers,S. 148.
14 LautBourdieudie„coincidentiaoppositorum“;Bourdieu:DieRegelnderKunst,S.45.
15 Vgl.Bourdieu:DieRegelnderKunst,S.86. ZusammenfassungderErgebnisse 241
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik