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Einleitende
Überlegungen26
zu Rezeptionsbeziehungen auf institutioneller Ebene. Brands bekanntestes Werk,
Maschinist Hopkins (1929), wird von Hoffmann daraufhin befragt, inwieweit
dessen futuristische Signatur trotz ihres Settings in einem amerikanischen prole-
tarischen Ambiente nicht auch Züge der sowjetischen Musik-Maschinen-Avant-
garde wie zum Beispiel Mosolovs Orchestersatz Zavod trage. Hoffmann zeichnet
Aspekte dieser naheliegenden Verwandtschaft sowohl im Bereich des Musika-
lischen, etwa in den unterschiedlichen, aber strukturell verwandten Synthesen
aus ‚Maschinenmusik‘ und symphonisch-musiktheatralischen Elementen mit
Anbindungen unter anderem an Richard Strauss und Ernst Kreneks Jonny spielt
auf nach, als auch solche auf ideologisch-konzeptueller Ebene. Im Kontext von
Arbeit im Kollektiv zeichnet sich eine neue Vitalitätsvision des Proletariats im
Einklang mit „dampfenden Maschinen“ und einem darauf aufbauenden, mes-
sianisch wirkenden Konzept ab. Letzteres lässt neben Mosolov auch Anklänge
an Aleksej Gastev erkennen, (kubo-)futuristischer Lyriker und Begründer des
Zentralinstituts für Arbeit (1920). Dennoch plädiert Hoffmann in seinem Fazit
dafür, Brand trotz Sowjet-Sympathien in der konkreten musikalischen Ausge-
staltung in eine Vielzahl zeitgenössischer Modernen/Avantgarden (vom Futuris-
mus über Suprematismus, Jazz- und Maschinenmoderne mit Rezeptionsspuren
hin zu George Antheils Ballét mécanique) zu platzieren und ihn als einen kom-
plexen Fall für zeitgenössischen „kompositorischen Kulturtransfer“ anzusehen.
Olesya Bobrik wiederum legt einen Überblick über die Beziehungen zwischen
der (Wiener) Universal Edition (UE) als führende Musik-Vertriebsinstitution im
deutschsprachigen Raum und den offiziellen sowjetrussischen Partnereinrich-
tungen vor. Bereits Mitte der 1920er Jahre wies die ‚Russische Abteilung‘ des UE-
Katalogs über 400 russisch-sowjetische Kompositionen und etwa 110 Namen
von Komponisten auf, darunter allein 60 von Sergej Rachmaninov und 53 von
Sergej Prokof’ev, bald aber auch solche von Nikolaj Mjaskovskij, Samuil Fein-
berg, Nikolaj Roslavec oder Leonid Polovinkin, die in der Moskauer Gesellschaft
für zeitgenössische Musik (ASM) führende Positionen einnahmen. Dass die
Zusammenarbeit von beiden Seiten her gesehen nicht immer ohne Friktionen
verlief – Friktionen, die 1932 zur Aufkündigung dieser Kooperation führten –
beziehungsweise von unterschiedlichen Erwartungs- und Vertrauenshaltungen
bestimmt war, wird an Korrespondenzen und anderen Dokumenten dargelegt
ebenso wie an Details der Distributionspraxis oder der (Urheber-)Rechtslagen.
Die Sektion Architektur, Bildende Kunst und Film wird durch Michael
Omasta und Brigitte Mayr mit einem Beitrag zu Eisensteins Panzerkreuzer
Potemkin, dem Begründer des Genres des Revolutionsfilms und aufgrund sei-
ner konsequent durchgehaltenen, akzentuierten Montagetechnik unbestrittener
Meilenstein der Filmgeschichte, eröffnet. Nach Zensurauflagen konnte der Film
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur