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neuen künstlerischen Konzepte ebenfalls auf eine produktive und, wie das Bei-
spiel der Tschechoslowakei zeigt, international bedeutsame Resonanz.
Die österreichische Architektur nahm in der Zwischenkriegszeit in Bezug
auf ihre Wahrnehmung eine weitaus marginalere Position ein als noch vor dem
Zerfall der Habsburgermonarchie. Architekten und Projekte aus Wien waren in
internationalen Publikationen zum „Neuen Bauen“ entweder nur gering oder
gar nicht vertreten. Das von Walter Gropius herausgegebene erste Buch aus der
Reihe der Bauhaus-Bücher, das mit dem Titel Internationale Architektur 1925
erschienen ist,7 gilt als erstes wichtiges Standardwerk zum „Neuen Bauen“ in
Europa. Während der tschechoslowakische Konstruktivismus darin mehrfach
als wichtige europäische Strömung aufscheint,8 werden von österreichischer
Seite lediglich Adolf Loos und Richard Neutra präsentiert. Das Modell eines
Wohnhauses9 beziehungsweise eines Geschäftsgebäudes10 stellen im Bauhaus-
Buch die einzigen nennenswerten Beispiele für das „Neue Bauen“ in Wien dar.11
In anderen Publikationen werden die Entwicklungen in Österreich vonseiten
deutscher Kritiker zudem oft als provinziell resp. wenig innovativ abgeurteilt.12
7 1927 folgte eine zweite, durch neue Abbildungen ergänzte Ausgabe, auf die im Fol-
genden Bezug genommen wird: Walter Gropius (Hg.): Internationale Architektur.
Zweite veränderte Auflage. München:
Albert Langen 1927 (= Bauhausbücher, Bd.
1).
8 Mit Jaromír Krejcar, Jaroslav Fragner und Vít Obrtel scheinen z.B. mehrere Mit-
glieder der Gruppe Devětsil auf. Der tschechoslowakische Konstruktivismus war
generell sehr gut international vernetzt, sodass die russische „Vereinigung zeitgenös-
sischer Architekten“ (OSA) eine ihrer Ausstellungen auch in Prag – neben Brüssel
und New York – organisierte (vgl. K. Paul Zygas: OSA’s 1927 Exhibition of Con-
temporary Architecture: Russia and the West Meet in Moscow. In: Gail Harrison
Roman/Virginia Hagelstein Marquardt (Hgg.): The Avant-Garde Frontier. Russia
Meets the West, 1910–1930. Gainesville:
University of Florida Press 1992, S.
102–142,
hier S. 104).
9 Vgl. Adolf Loos:
Modell zu einem Wohnhaus. 1924 (Abbildung). In:
Gropius, Inter-
nationale Architektur, S. 64.
10 Vgl. Richard Neutra: Geschäftshaus. 1925 (Abbildung). In: ebd., S. 51. Neutra lebte
zu dieser Zeit bereits in den USA.
11 Anlässlich des 60. Geburtstags von Loos beklagt auch Das Neue Frankfurt dessen
mangelnde internationale Präsenz:
„Warum hat Loos 1927 auf der Weißenhof-Sied-
lung in Stuttgart gefehlt? Warum 1929 in Breslau und 1930 in Karlsruhe? Warum fehlt
sein Name in der großen Prager Werkbundsiedlung 1931 […]?“ (Josef Gantner:
Adolf
Loos. In: Das Neue Frankfurt, Nr. 1/1931, S. 2–8, zit. S. 7.)
12 Dies stellt eine spannende Analogie zur Sowjetukraine dar, deren Architektur vonsei-
ten der russischen Konstruktivisten aufgrund ihrer Traditionsverbundenheit ebenfalls
als rückständig und provinziell gering geschätzt wurde.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur