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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
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Russland-Diskurse in der Zeitschrift Sowjet 359 in Galle und Essig ertrinken die Augen, aus Adern und Scheitel raucht es in Schwaden. Unter den Nägeln träuft rotes Blut. Ich grabe dumpf in der Erde.32 Das Aufbegehren aus dieser konkret verorteten Perspektivlosigkeit manifestiert sich in Gewaltbereitschaft, die sich jedoch nicht wie bei Sonnenschein dezidiert gegen die Mächtigen wendet, sondern überhöht als prinzipielle Revolte darge- stellt wird: Wie wenn ich die verruchte Lampe im Stollen zerschmetterte, den geknechteten Nacken weitauf emporreckte, die Linke verkampfte, und dahin schreitend im Halbkreis von Erden empor bis zum Himmel den Hammer erhübe mit schrecklichen Augen droben zur Sonne Gottes!33 Bemerkenswert in dieser ersten Nummer des Sowjet ist jedenfalls die hohe Kon- zentration an Texten verschiedenster Art, die Gewalt affirmieren und mitunter auch zu gewaltsamem Handeln aufrufen. Das entspricht nicht unbedingt dem zeitgenössischen deutschsprachigen anarchistischen Diskurs, der eher vom Tol- stoj’schen Pazifismus beeinflusst ist. Dieser Gewaltaspekt ist vielmehr als in der Tradition der tschechischen Anarchisten stehend zu sehen, in deren Umfeld Sonnenschein und Bezruč aktiv waren und ihre Texte schrieben.34 2 Gesellschaftsutopie und Versöhnung Die nächste Nummer des Sowjet spricht dann auch in ihrer Textauswahl eine deutlich gemäßigtere Sprache:  Auf der ersten Doppelseite ist linkerhand ein Linoleumschnitt des Prager Malers Zdeněk Rykr abgedruckt, der auf grafischer Ebene in markanter Schwarz-Weiß-Zeichnung die „Proletarier aller Länder“ zur Versöhnung aufruft; rechterhand ist ein mit 21.  Juli  1919 betiteltes Gedicht 32 Petr Bezruč:  Der Bergmann. In:  Sowjet, H.  1/1919, S.  72f., zit. S.  72. 33 Ebd., S.  73. 34 Vgl. Gerhard Botz, Gerfried Brandstetter, Michael Pollak:  Im Schatten der Arbei- terbewegung. Zur Geschichte des Anarchismus in Österreich und Deutschland. Wien:  Europa-Verlag 1977, S.  29–97; Wilde, Sonnenschein, S.  260–287. Vgl. auch den Artikel von Hermann Stursa über die kommunistische Bewegung in der Tsche- choslowakei, der Sonnenschein als einen Herausgeber der Wochenschrift Červen, „des einzigen konsequent kommunistischen Organs in tschechischer Sprache“, nennt (Stursa, Bewegung, S.  41).
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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Title
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Subtitle
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Author
Primus-Heinz Kucher
Editor
Rebecca Unterberger
Date
2019
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-631-78199-9
Size
14.8 x 21.0 cm
Pages
466
Category
Kunst und Kultur
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