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Russland-Diskurse in der Zeitschrift Sowjet 359
in Galle und Essig ertrinken die Augen,
aus Adern und Scheitel raucht es in Schwaden.
Unter den Nägeln träuft rotes Blut.
Ich grabe dumpf in der Erde.32
Das Aufbegehren aus dieser konkret verorteten Perspektivlosigkeit manifestiert
sich in Gewaltbereitschaft, die sich jedoch nicht wie bei Sonnenschein dezidiert
gegen die Mächtigen wendet, sondern überhöht als prinzipielle Revolte darge-
stellt wird:
Wie wenn ich die verruchte Lampe im Stollen zerschmetterte,
den geknechteten Nacken weitauf emporreckte,
die Linke verkampfte, und dahin schreitend
im Halbkreis von Erden empor bis zum Himmel
den Hammer erhübe mit schrecklichen Augen
droben zur Sonne Gottes!33
Bemerkenswert in dieser ersten Nummer des Sowjet ist jedenfalls die hohe Kon-
zentration an Texten verschiedenster Art, die Gewalt affirmieren und mitunter
auch zu gewaltsamem Handeln aufrufen. Das entspricht nicht unbedingt dem
zeitgenössischen deutschsprachigen anarchistischen Diskurs, der eher vom Tol-
stoj’schen Pazifismus beeinflusst ist. Dieser Gewaltaspekt ist vielmehr als in der
Tradition der tschechischen Anarchisten stehend zu sehen, in deren Umfeld
Sonnenschein und Bezruč aktiv waren und ihre Texte schrieben.34
2 Gesellschaftsutopie und Versöhnung
Die nächste Nummer des Sowjet spricht dann auch in ihrer Textauswahl eine
deutlich gemäßigtere Sprache: Auf der ersten Doppelseite ist linkerhand ein
Linoleumschnitt des Prager Malers Zdeněk Rykr abgedruckt, der auf grafischer
Ebene in markanter Schwarz-Weiß-Zeichnung die „Proletarier aller Länder“
zur Versöhnung aufruft; rechterhand ist ein mit 21. Juli 1919 betiteltes Gedicht
32 Petr Bezruč: Der Bergmann. In: Sowjet, H. 1/1919, S. 72f., zit. S. 72.
33 Ebd., S.
73.
34 Vgl. Gerhard Botz, Gerfried Brandstetter, Michael Pollak: Im Schatten der Arbei-
terbewegung. Zur Geschichte des Anarchismus in Österreich und Deutschland.
Wien: Europa-Verlag 1977, S. 29–97; Wilde, Sonnenschein, S. 260–287. Vgl. auch
den Artikel von Hermann Stursa über die kommunistische Bewegung in der Tsche-
choslowakei, der Sonnenschein als einen Herausgeber der Wochenschrift Červen,
„des einzigen konsequent kommunistischen Organs in tschechischer Sprache“, nennt
(Stursa, Bewegung, S. 41).
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur