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Russland-Diskurse in der Zeitschrift Sowjet 367
dient ausschließlich der sozialen Anerkennung und der Stärkung der eigenen
Machtposition: „Kühne genoß, während er mit den beiden Herren sein Bureau
verließ, bereits im Geiste den verständnislosen Respekt seiner neuen Geschäfts-
freunde für seine großzügige Kunstbeflissenheit. ‚Sie haben gesehen, wie ich
verdiene‘, dachte er, ‚nun sollen sie sehen, wie ich ausgebe.‘ “62 Kühne erscheint
als Inkarnation des von Kaus in ihrem früheren Essay „Zur moralischen Bilanz
der Bourgeoisie“ diskreditierten „Kunsthüter[s] “ im Sinne eines „Museumsgen-
darmen“,63 als dessen schlimmste Ausgeburt sie den Mäzen nennt, der sich mit
seinem rein materiell motivierten Kunstinteresse nicht als Kunstkenner, sondern
als vermögender Mann entlarvt.
4 Politik und Konsequenzen
Was sich in den ersten Abdrucken literarischer Texte im Sowjet schon abzeichnet,
nämlich die vorsichtige Unterwanderung der anfänglich radikalen Programma-
tik der Zeitschrift, findet mit der Publikation der Erzählung Der Altar von Gina
Kaus einen Höhepunkt und ein vorläufiges Ende.64 Die Verabschiedung ultralin-
ker Ideologien und das Eintreten für gemäßigtere Strategien zur Erlangung der
sozialen und politischen Neuordnung spiegeln auch durchaus Entwicklungen
in der kommunistischen Bewegung in Österreich wider, die durch ideologische
Fraktionskämpfe in zahlreiche Splittergruppen zerfallen war. Die Proklamation
dieser moderateren Revolutionsforderungen übernimmt in der Zeitschrift die
Literatur, der unter der Herausgeberschaft von Otto Kaus im ersten Jahrgang
neben Texten zu politischen und wirtschaftlichen Themen eine gleichberech-
tigte Rolle eingeräumt wird. Davon zeugen regelmäßige Abdrucke literarischer
Texte ebenso wie die Fülle an theoretischen Texten, die den sozialpolitischen
Stellenwert von Literatur und Kultur verhandeln und damit den Sowjet in seinen
Anfängen als Kulturzeitschrift positionieren.
Mit der Übernahme der Herausgeberschaft im Mai 1921 durch den kurz
zuvor aus der KPD ausgeschlossenen Paul Levi ändert sich die programmatische
Ausrichtung der Zeitschrift wesentlich; diese wendet sich nun kritisch gegen die
62 Andreas Eckbrecht [d.i. Gina Kaus]: Der Altar. In: Sowjet, H. 6/1919, S. 43–54,
zit. S. 44.
63 N.N. [d.i. Gina Kaus]:
Zur moralischen Bilanz der Bourgeoisie. In:
Sowjet, H.
1/1919,
S. 51–60, zit. S. 57.
64 Danach sind nur noch zwei vereinzelte Abdrucke von lyrischen Texten zu verzeich-
nen; dabei handelt es sich um Gedichte von Rudolf Hartig (H.
10.11.1920) und Bruno
Schönlank (H. 3/1920).
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur