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Russische Literatur in der Roten Fahne 385
„Die Frau und die Religion“ Gor’kijs Beitrag O ženščine (dt. Über die Frau),60 in
dem die Emanzipation der Frau (nicht weiter verwunderlich) an den Sozialis-
mus geknüpft wird: „Von dem Sklavenleben wird die Frau nur durch den Sozia-
lismus, durch die kollektive Arbeit befreit.“61 Vier Tage später wird unter dem
symptomatischen Titel „Ein Triumph der Sowjetunion an der Kulturfront“ über
ein Gastspiel des Moskauer Kammertheaters am Neuen Wiener Schauspielhaus
berichtet. Dass das Moskauer Ensemble nur für drei Tage in Wien gastiert habe,
wird eingangs mit der „Festigung des Faschismus“ in Österreich in Zusammen-
hang gebracht. Dann richtet sich der Blick auf die beiden Stücke, mit denen das
von Aleksandr Tairov geleitete Kammertheater aufgetreten ist: Der Neger, im
Original All God’s Chillun Got Wings, von Eugene O’Neill sowie Tag und Nacht
nach der Operette Le Jour et la Nuit von Charles Lecocq, inkorrekt als „Lecoq“
wiedergegeben. Wenn im Anschluss daran von einem inszenatorischen Primat
der Form über den Inhalt gesprochen und näher auf das innovative Bühnen-
bild eingegangen wird,62 so verlässt die Kritik für einen Moment lang jenen ope-
rativ-parteilich grundierten kulturpolitischen Diskurs, der für die Rote Fahne
insgesamt charakteristisch ist,63 um danach schrittweise wieder zu ebendiesem
zurückzufinden: Die Regiekunst Tairovs wird zwar gelobt, aber unter jene von
Vsevolod Mejerchol’d gestellt, die den Anforderungen einer proletarisch-revolu-
tionären Kunst sowohl im Inhalt als auch in der Form bedeutend näherkomme.64
4 Fazit
Gerade die umfangreiche Berichterstattung zum Freitod Majakovskijs und die
hierbei artikulierte Kritik an den ideologischen Positionen des verstorbenen
Autors mag pars pro toto das ideologisch begrenzte Verständnis von Literatur
60 Zur Darstellung der Frauenfrage in der österreichischen kommunistischen Tages-
presse zu Beginn der Zwischenkriegszeit vgl. Schwarz, Kommunistische Tagespresse,
S. 194–200.
61 Maxim Gorki:
Die Frau und die Religion. In:
RF (6.4.1930), S.
7. Der Beitrag erschien
1930 in drei weiteren Periodika (darunter die Hamburger Volkszeitung und Das neue
Rußland), sodass hier wohl von einem nicht ausgewiesenen Nachdruck auszugehen
ist (vgl. Gorki in Deutschland, S. 196).
62 Vgl. N.N.:
Ein Triumph der Sowjetunion an der Kulturfront. Gastspiel des Moskauer
Kammertheaters in Wien. In: RF (10.4.1930), S. 4.
63 Zu den rhetorischen Ausdrucksmitteln dieses Diskurses (Pathos, Schematisierung,
Übertreibung u.a.) vgl. Schwarz, Kommunistische Tagespresse, S. 173–193.
64 Vgl. N.N.:
Ein Triumph der Sowjetunion an der Kulturfront. Gastspiel des Moskauer
Kammertheaters in Wien. In: RF (10.4.1930), S. 4.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur