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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Seite - 385 -
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Russische Literatur in der Roten Fahne 385 „Die Frau und die Religion“ Gor’kijs Beitrag O ženščine (dt. Über die Frau),60 in dem die Emanzipation der Frau (nicht weiter verwunderlich) an den Sozialis- mus geknüpft wird:  „Von dem Sklavenleben wird die Frau nur durch den Sozia- lismus, durch die kollektive Arbeit befreit.“61 Vier Tage später wird unter dem symptomatischen Titel „Ein Triumph der Sowjetunion an der Kulturfront“ über ein Gastspiel des Moskauer Kammertheaters am Neuen Wiener Schauspielhaus berichtet. Dass das Moskauer Ensemble nur für drei Tage in Wien gastiert habe, wird eingangs mit der „Festigung des Faschismus“ in Österreich in Zusammen- hang gebracht. Dann richtet sich der Blick auf die beiden Stücke, mit denen das von Aleksandr Tairov geleitete Kammertheater aufgetreten ist:  Der Neger, im Original All God’s Chillun Got Wings, von Eugene O’Neill sowie Tag und Nacht nach der Operette Le Jour et la Nuit von Charles Lecocq, inkorrekt als „Lecoq“ wiedergegeben. Wenn im Anschluss daran von einem inszenatorischen Primat der Form über den Inhalt gesprochen und näher auf das innovative Bühnen- bild eingegangen wird,62 so verlässt die Kritik für einen Moment lang jenen ope- rativ-parteilich grundierten kulturpolitischen Diskurs, der für die Rote Fahne insgesamt charakteristisch ist,63 um danach schrittweise wieder zu ebendiesem zurückzufinden:  Die Regiekunst Tairovs wird zwar gelobt, aber unter jene von Vsevolod Mejerchol’d gestellt, die den Anforderungen einer proletarisch-revolu- tionären Kunst sowohl im Inhalt als auch in der Form bedeutend näherkomme.64 4 Fazit Gerade die umfangreiche Berichterstattung zum Freitod Majakovskijs und die hierbei artikulierte Kritik an den ideologischen Positionen des verstorbenen Autors mag pars pro toto das ideologisch begrenzte Verständnis von Literatur 60 Zur Darstellung der Frauenfrage in der österreichischen kommunistischen Tages- presse zu Beginn der Zwischenkriegszeit vgl. Schwarz, Kommunistische Tagespresse, S.  194–200. 61 Maxim Gorki:  Die Frau und die Religion. In:  RF (6.4.1930), S.  7. Der Beitrag erschien 1930 in drei weiteren Periodika (darunter die Hamburger Volkszeitung und Das neue Rußland), sodass hier wohl von einem nicht ausgewiesenen Nachdruck auszugehen ist (vgl. Gorki in Deutschland, S.  196). 62 Vgl. N.N.:  Ein Triumph der Sowjetunion an der Kulturfront. Gastspiel des Moskauer Kammertheaters in Wien. In:  RF (10.4.1930), S.  4. 63 Zu den rhetorischen Ausdrucksmitteln dieses Diskurses (Pathos, Schematisierung, Übertreibung u.a.) vgl. Schwarz, Kommunistische Tagespresse, S.  173–193. 64 Vgl. N.N.:  Ein Triumph der Sowjetunion an der Kulturfront. Gastspiel des Moskauer Kammertheaters in Wien. In:  RF (10.4.1930), S.  4.
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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Titel
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Untertitel
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Autor
Primus-Heinz Kucher
Herausgeber
Rebecca Unterberger
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-631-78199-9
Abmessungen
14.8 x 21.0 cm
Seiten
466
Kategorie
Kunst und Kultur
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