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Martin
Erian390
keine Nummer erscheinen, die nicht Neues von den Fünfjahresplangiganten
oder den Vorbereitungen der nächsten Planperiode enthalten wird.“12
Im Feuilleton der Roten Fahne erfolgten Annäherungen an das sowjetische
Leben in vielerlei Gestalt. Während Erzählungen und Fortsetzungsromane oft
auf russischem Boden spielten, orientierten sich die AutorInnen der österrei-
chischen proletarisch-revolutionären Literatur nur selten direkt an russischen
Realitäten. Dem gegenüber standen die Berichte von Kriegsheimkehrern sowie
insbesondere seit 1928 jene der zahlreichen Entdeckungsreisenden, die im
Zentralorgan der KPÖ von ihren Erfahrungen in der Sowjetunion berichte-
ten – häufig auch in scharfer Abgrenzung zur Arbeit der als „Sozialfaschisten“13
verunglimpften Sozialdemokraten im „Roten Wien“.
1 Sowjetnarrative der VertreterInnen der proletarisch-
revolutionären Literatur
Obwohl eine proletarisch-revolutionäre Literatur österreichischer Provenienz
seit Beginn der Zwanzigerjahre kontinuierlich im Feuilleton der Roten Fahne
Raum erhielt, beschränkte sich der Kreis der regelmäßig publizierenden Auto-
rInnen auf wenige Personen. In Erinnerung geblieben ist vor allem Lili Körber. In
Moskau als Tochter eines österreichischen Kaufmanns aufgewachsen, kehrte sie
mit ihrer Familie im Weltkrieg zeitweilig nach Wien zurück und verfasste nach
den Studienjahren ab 1927 Feuilletons für die Arbeiter-Zeitung.14 Dabei zeich-
nete sie beeinflusst von ihrer Vergangenheit im zaristischen Russland sowie vom
Kontakt zur zeitweilig in Wien lebenden früheren Lenin-Mitarbeiterin Anželika
Balabanova wiederholt und durchaus zum Missfallen der sozialdemokratischen
Verantwortlichen ein positives Russland-Bild.15 Am 1. Mai 1928 debütierte sie
mit der vorrevolutionären Dorfgeschichte Liebesstreik um Mitjka in der Roten
12 N.N.: Was die „Illustrierte Rote Woche“ bringt. In: RF (24.1.1932), S.
5.
13 Zur „Sozialfaschismustheorie“ vgl. Barry McLoughlin:
Die Partei. In:
Ders. u.a., Kom-
munismus in Österreich, S. 259–276, bs. 261; Josef Schleifstein: Die „Sozialfaschis-
mus“-These. Zu ihrem geschichtlichen Hintergrund. Frankfurt a.M.: Marxistische
Blätter 1980 (= Marxistische Taschenbücher. Reihe Marxismus aktuell, Bd. 144).
14 Vgl. Ute Lemke:
Lili Körber:
Von Moskau nach Wien. Eine österreichische Autorin in
den Wirren der Zeit (1915–1938). Siegen: Böschen 1998 (= Kasseler Studien – Lite-
ratur, Kultur, Medien, Bd.
2), S.
38f. Zu Körber s.
auch den Beitrag von W.
Fähnders
in diesem Band.
15 Vgl. Viktoria Hertling:
Quer durch:
Von Dwinger bis Kisch. Berichte und Reportagen
über die Sowjetunion aus der Epoche der Weimarer Republik. Frankfurt a.M.: Hain
1982, S.
91f.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur