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Russland-Diskurse im Feuilleton der Roten Fahne 397
KPÖ-Vorfeldorganisation Abhilfe schaffen und vor allem mit Vorträgen die
Auseinandersetzung mit Russland auf Wiener Boden unterstützen.39
Mit Reiseberichten traten ab 1930 mehrere mit der KPÖ verbundene Autor-
Innen hervor. Die bedeutende kommunistische Übersetzerin Frida Rubiner,
KPD-Gründungsmitglied und von 1920 bis 1922 Redakteurin der Wiener Roten
Fahne, stellte publizistisch über lange Jahre eine wichtige Brücke nach Russland
dar und veröffentlichte 1930 im Verlag für Literatur und Politik mit Der große
Strom. Eine unromantische Wolgafahrt einen Reisebericht, der schon einleitend
den Bedarf an ständig neuen Berichten aus der Sowjetunion unterstreicht. Denn
jede Darstellung wäre, so Rubiner, angesichts des „Revolutionstempo[s] “ von
der „Gefahr der Unaktualität“ bedroht, was auch für ihr eigenes Werk gilt:
„Jede
Zahl wurde überholt, bevor die Druckerschwärze getrocknet war.“40 Rubiner
weist in ihrem episodenhaften Bericht auch auf Rückständigkeiten hin, wofür
etwa eine von der Dorfversammlung beschlossene Auspeitschung von 300
Bauern im Dorf Ludurwaj in der Autonomen Republik der Wotjaken als exem-
plarisch angeführt wird. Bereits 1928 hat Rubiner in der Roten Fahne diesen Fall
als Lehrbeispiel für die Notwendigkeit konsequenter kommunistischer Politik
interpretiert. „Für uns, das revolutionäre Proletariat außerhalb der Sowjetunion,
ist die Affäre Ludurwaj noch einmal ein Beweis dafür, daß wir unsere revolu-
tionäre Pflicht erfüllen müssen“.41 Im Reisebericht von 1929 dient der Vorfall
als Beleg für sowohl die Gehässigkeit antisowjetischer Berichterstattung („beste
Reklamearbeit für alle sowjetfeindlichen Elemente, die ‚die Wahrheit‘ über
Sowjetrußland unter den Arbeitern […] verbreiten“42) als auch die besonderen
Anforderungen an die Errichtung eines Arbeiter-und-Bauern-Staates in der kul-
turell wie ethnisch heterogenen Sowjetunion. Die agitatorische Zuspitzung der
Darstellung erreicht Rubiner durch einen bewährten Kunstgriff: Sie führt mit
dem Berliner Sozialdemokraten Herbert Krause einen skeptischen Mitreisenden
ein, der „zwar die russische Revolution [bejaht], aber […] darauf erpicht [ist],
39 Vgl. Julia Köstenberger: Österreichisch-sowjetische Kulturkontakte im Überblick.
In: Moritz, Gegenwelten, S. 231–249, bs. S. 234–240. Der von der Roten Fahne trotz
KPD-Nähe als Autor des linksliberalen Abend abgelehnte Bruno Frei, Lili Körber und
Julius Haydu wurden bei ihren Russlandreisen von der VOKS unterstützt (vgl. ebd.,
S. 233).
40 Frida Rubiner: Der große Strom. Eine unromantische Wolgafahrt. Wien: Verlag für
Literatur und Politik 1930, S. 5.
41 Frida Rubiner: Ein Fall der Barbarei in der Sowjetunion. Eine der Schwierigkeiten
des sozialistischen Aufbaues. In: RF (18.10.1928), S. 5.
42 Dies., Strom, S. 270.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur