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Russland-Diskurse im Feuilleton der Roten Fahne 399
Menschen, gekennzeichnet durch „vorbehaltslose ungebrochene Lebensbeja-
hung“,48 in der Sowjetunion Bezug. Die Rote Fahne betonte, das Buch zeige vor
allem, „wie überall über Rußland gelogen wird“;49 Ernst Fischer strich in der
Arbeiter-Zeitung das „Pathos der Zahlen“ hervor und erhob den Fünfjahresplan
selbst zum „großartigsten Buche der Weltgeschichte“.50
Als produktivster Berichterstatter aus der Sowjetunion präsentierte sich
allerdings Otto Heller. Zunächst Anhänger der Sozialdemokratie in Wien und
Reichenberg, übersiedelte er 1926 nach Berlin, wo er Kontakte zu KPD-nahen
Autoren wie Egon Erwin Kisch, Franz Carl Weiskopf und Johannes R. Becher
knüpfte und sich dem BPRS anschloss. Als Vertrauensmann der Kommunisti-
schen Internationale wirkte er zeitweise als Redakteur für die Tageszeitung Welt
am Abend, deren Herausgeber Münzenberg ihm im Sommer 1929 eine Reise
ermöglichte, aus der der Bericht Sibirien. Ein anderes Amerika als erster von
mehreren Sibirienberichten resultierte.51
Die Auseinandersetzung mit Sibirien macht auf ein ertragreiches Feld in der
euphorischen Russlanddarstellung aufmerksam, erfuhr der ‚wilde Osten‘ durch
den wirtschaftlichen Aufbau doch eine spürbare Modernisierung und diente als
offensiver Gegenentwurf zum kapitalistischen Amerika, das es mit dem Fünfjah-
resplan zu übertreffen galt.52 Dem Feuilleton der Roten Fahne hatte der Bericht
eines Korrespondenten der Chicagoer Daily News das Themenfeld neu eröff-
net, das zuvor Fridtjof Nansen mit seinem 1914 erschienenen Buch Sibirien, ein
Zukunftsland erschlossen hatte und das für die Rote Fahne und Heller weiter einen
wesentlichen Referenzpunkt darstellte.53 Hellers Werk, das breite historische
48 Julius Haydu: Rußland 1932. Wien: Phaidon 1932, S. 154.
49 H.W. (Hilde Wertheim?): Neue Bücher. Rußland 1932. In: Die Rote Fahne
(1.5.1932), S. 9.
50 Ernst Fischer:
5 Jahre, die die Welt verändern. In:
Arbeiter-Zeitung (6.11.1932), S.
14.
51 Neben den Broschüren Das Geheimnis der Mandschurei (1932), Die rote Fahne am
Pazifik. Zehn Jahre Sowjetmacht im Fernen Osten (1933) und Auf zum Baikal! Der
sozialistische Aufbau in Ostsibirien und die Fantasien des Herrn Kamaitzi (1933)
erschien 1932 mit Wladi Wostok! Der Kampf im Fernen Osten im Neuen Deutschen
Verlag ein zweites umfängliches Reisebuch Hellers, der schon 1928 aus dem russi-
schen Polargebiet berichtet hatte; vgl. Otto Heller: Die Gelehrteninsel im Eismeer.
Biologische Station Alexandrowsk – Wunder des Nordens. In: RF (26.8.1928, S. 7),
O. H.: Die Welt ohne Bazillen. In: RF (1.12.1929), S. 5f.
52 Vgl. Eva-Maria Stolberg:
Sibirien:
Russlands „Wilder Osten“. Mythos und soziale Rea-
lität im 19. und 20.
Jahrhundert. Stuttgart:
Steiner 2009 (= Beiträge zur europäischen
Überseegeschichte, Bd. 95), S. 300–322.
53 Vgl. N.N.:
Das sibirische „Chicago“. In:
RF (28.11.1926), S.
6; Georg Werosta:
Fridtjof
Nansens Rußlandbuch. In: RF (12.7.1924), S.
2.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur