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Natalia
Blum-Barth414
Diese Offenbarung vermag umso mehr zu schockieren, als die Gewaltphanta-
sien gegen Schutzlose – Foxterrier, Frauen, Kinder – gerichtet sind. Sehr bald
wird Griselda ihre Gewalttätigkeit nicht nur ausleben, sondern auch als Kampf
gegen den „Bourgeois“ rechtfertigen können:
Die politischen Ziele und ideologi-
schen Ansichten der Revolutionärin Griselda Nikolajewna legitimieren Gewalt-
anwendung. Dabei ist sie sich ihrer Taten bewusst und reagiert verwundert, als
sie auf der Flucht vor der Polizei Schutz im Hause der Ich-Erzählerin findet:
Weiß Ihre Mutter auch, daß ich gerade das Leben derer zerstören und die Menschen
vernichten will, zu denen sie gehört?
„Natürlich“, lachte ich, „wenn Sie doch Revolutionärin sind!“
„Aber warum hat sie mir dann erlaubt hierzubleiben?“ fragte Griselda Nikolajewna mit
beinahe bösem Gesichtsausdruck.
„Sehr einfach, Sie sind doch in Gefahr und bedürfen des Schutzes!“ [69]
Dieser Dialog zwischen Griselda und Alja impliziert die Hauptbotschaft von
Rachmanowas Werken: Revolution verunstaltet den Menschen, degradiert und
verwandelt ihn in eine gefühllose, hasserfüllte, fanatische Tötungsmaschine. Alja
Rachmanowa setzt dies gekonnt in Szene. Die kranke und mitleiderregende Gri-
selda verwandelt sich geradezu in eine Furie, wenn sie Reden auf der Arbeiter-
versammlung hält:
Jetzt stand wieder Griselda Nikolajewna auf, ihr Gesicht brannte feuerrot […], die
Augen leuchteten, und sie wäre geradezu schön gewesen, wenn nicht dieser Ausdruck
der Grausamkeit, ja der Blutgier gewesen wäre.
„Towarischtschi!“ schrie sie mit schallender Stimme. […]
Lange noch sprach sie in diesem Tone, und jedes ihrer Worte triefte förmlich von Haß
und Blut. [60]
Das bei dem Leser anfangs geweckte Mitgefühl für diese Figur kippt in Angst vor
ihren Aufrufen zu Rache und Mord:
Rache allen, Rache allen Bourgeois, allen Satten, allen Reichen, allen Parasiten! Mögen
die Arbeiter die Macht in ihre Hände nehmen und sich an denen rächen, die sie quälten,
sie mögen sich rächen für sich, für ihre Kinder, für ihre Väter und Großväter! Tod ihnen
allen, Tod! […]
Aber nicht einen gewöhnlichen Tod, sondern einen qualvollen Tod, tropfenweise sollen
sie ihr Blut vergießen, so wie sie es im Laufe der Jahrhunderte aus dem Volke herausge-
preßt haben! Foltern sollt ihr sie, quälen, martern!
Ihre Worte übten auf mich einen entsetzlichen Eindruck aus. Sie muß wahnsinnig sein,
sagte ich mir. [60f.]
Was hier als „Wahnsinn“ empfunden wird, ist der kommunistischen Ideologie
geschuldet, die zu Selbstaufopferung und Entsagung, mitunter zu Verblendung
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur