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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Seite - 414 -
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Natalia Blum-Barth414 Diese Offenbarung vermag umso mehr zu schockieren, als die Gewaltphanta- sien gegen Schutzlose  – Foxterrier, Frauen, Kinder  – gerichtet sind. Sehr bald wird Griselda ihre Gewalttätigkeit nicht nur ausleben, sondern auch als Kampf gegen den „Bourgeois“ rechtfertigen können:  Die politischen Ziele und ideologi- schen Ansichten der Revolutionärin Griselda Nikolajewna legitimieren Gewalt- anwendung. Dabei ist sie sich ihrer Taten bewusst und reagiert verwundert, als sie auf der Flucht vor der Polizei Schutz im Hause der Ich-Erzählerin findet: Weiß Ihre Mutter auch, daß ich gerade das Leben derer zerstören und die Menschen vernichten will, zu denen sie gehört? „Natürlich“, lachte ich, „wenn Sie doch Revolutionärin sind!“ „Aber warum hat sie mir dann erlaubt hierzubleiben?“ fragte Griselda Nikolajewna mit beinahe bösem Gesichtsausdruck. „Sehr einfach, Sie sind doch in Gefahr und bedürfen des Schutzes!“ [69] Dieser Dialog zwischen Griselda und Alja impliziert die Hauptbotschaft von Rachmanowas Werken:  Revolution verunstaltet den Menschen, degradiert und verwandelt ihn in eine gefühllose, hasserfüllte, fanatische Tötungsmaschine. Alja Rachmanowa setzt dies gekonnt in Szene. Die kranke und mitleiderregende Gri- selda verwandelt sich geradezu in eine Furie, wenn sie Reden auf der Arbeiter- versammlung hält: Jetzt stand wieder Griselda Nikolajewna auf, ihr Gesicht brannte feuerrot […], die Augen leuchteten, und sie wäre geradezu schön gewesen, wenn nicht dieser Ausdruck der Grausamkeit, ja der Blutgier gewesen wäre. „Towarischtschi!“ schrie sie mit schallender Stimme. […] Lange noch sprach sie in diesem Tone, und jedes ihrer Worte triefte förmlich von Haß und Blut. [60] Das bei dem Leser anfangs geweckte Mitgefühl für diese Figur kippt in Angst vor ihren Aufrufen zu Rache und Mord: Rache allen, Rache allen Bourgeois, allen Satten, allen Reichen, allen Parasiten! Mögen die Arbeiter die Macht in ihre Hände nehmen und sich an denen rächen, die sie quälten, sie mögen sich rächen für sich, für ihre Kinder, für ihre Väter und Großväter! Tod ihnen allen, Tod! […] Aber nicht einen gewöhnlichen Tod, sondern einen qualvollen Tod, tropfenweise sollen sie ihr Blut vergießen, so wie sie es im Laufe der Jahrhunderte aus dem Volke herausge- preßt haben! Foltern sollt ihr sie, quälen, martern! Ihre Worte übten auf mich einen entsetzlichen Eindruck aus. Sie muß wahnsinnig sein, sagte ich mir. [60f.] Was hier als „Wahnsinn“ empfunden wird, ist der kommunistischen Ideologie geschuldet, die zu Selbstaufopferung und Entsagung, mitunter zu Verblendung
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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Titel
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Untertitel
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Autor
Primus-Heinz Kucher
Herausgeber
Rebecca Unterberger
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-631-78199-9
Abmessungen
14.8 x 21.0 cm
Seiten
466
Kategorie
Kunst und Kultur
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