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Natalia
Blum-Barth416
Schreien, vom Rufen, vom Stöhnen und vom Weinen … Aber ohne dieses kann ich
nicht leben, ich muß jeden Tag jemand quälen, martern … [265]
Sie berichtet, wie grausam sie Sonjetschka Iwanowa gequält, getötet und ihre
Freundin „niedergeschossen“ [266] hat. Als Alja von einer Freundin von einer
Tschekistin hört, „die sich durch ganz unmenschliche Grausamkeit auszeich-
nen soll“ [272f.], ist sie sich sicher, dass es sich um Griselda Nikolajewna han-
deln muss.
Mit dem Sprechen über ihre Gewalttaten versetzt Griselda ihre Zuhörerin in
Schrecken und genießt ihre Überlegenheit. Das Verbalisieren der Misshandlun-
gen kann sogar als deren Fortführung gedeutet werden, denn die gewünschte
Wirkung – Einschüchterung des Gegenübers beziehungsweise Demonstration
der eigenen Macht – wird dadurch gleichfalls erreicht. Neben Gewalt themati-
sieren Rachmanowas Bücher auch Machtverhältnisse im alltäglichen Leben. Die
Revolution zieht eine Umverteilung der Macht nach sich: „So hat sich alles ver-
ändert. Stepan Petrowitsch Pugowkin, der früher im Spital, wenn er nüchtern
war, die Fußböden wusch, ist jetzt eine hochgestellte Amtsperson.“ [440] Die-
jenigen, die Macht bekommen haben, müssen sich dessen bewusst werden und
tun dies in Rachmanowas Darstellung, indem sie ihre Macht missbrauchen. Wer
Macht hat, übt sie willkürlich aus, missbraucht sie etwa bei drastischen Gewalt-
exzessen.
Heute fand ich Einzelheiten über den Tod Wadims in einer Zeitung. […] Eine Rote
Strafabteilung faßte sie und tötete sie nach entsetzlichen Martern. An Wadims Leiche
waren Arme und Beine gebrochen, die Nase, die Ohren und die Zunge waren abge-
schnitten und in die Augen Holzpflöcke eingetrieben. Auch die andern waren so ver-
stümmelt. [353]
Es sind keine Bestien, die – vorgeblich – im Dienste bolschewistischer Ideen
töten, sondern Rotarmisten. Machthaber vor Ort und Handlanger des Sys-
tems versuchen, sich als linientreue Kommunisten zu beweisen, indem sie
Zukunfts- und Sozial-„Schädlinge“ beseitigen. In diesem Kontext ist die bei
Rachmanowa geschilderte Hinrichtung des Staretz Grigori und der Popenfa-
milie zu sehen:
Auf den Befehl Gorbunows hat man den alten Staretz Grigori von der Insel im See her-
gebracht. Gorbunow hat beschlossen, dem Volke zu zeigen, daß seine Heiligkeit und
seine Wunder nichts als ein ganz plumper Schwindel seien. Sie brachten ihn gefesselt, zu
Fuß, und an seinem Hals hing ein langer Strick. Er wurde vor das Ispolkom geschleppt,
eine riesige Menschenmenge sammelte sich an.
„Wenn du ein Heiliger bist“, sagte Gorbunow, „dann tu so, daß du nichts davon spürst,
was wir jetzt mit dir machen werden!“ […]
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur