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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Seite - 416 -
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Natalia Blum-Barth416 Schreien, vom Rufen, vom Stöhnen und vom Weinen … Aber ohne dieses kann ich nicht leben, ich muß jeden Tag jemand quälen, martern … [265] Sie berichtet, wie grausam sie Sonjetschka Iwanowa gequält, getötet und ihre Freundin „niedergeschossen“ [266] hat. Als Alja von einer Freundin von einer Tschekistin hört, „die sich durch ganz unmenschliche Grausamkeit auszeich- nen soll“ [272f.], ist sie sich sicher, dass es sich um Griselda Nikolajewna han- deln muss. Mit dem Sprechen über ihre Gewalttaten versetzt Griselda ihre Zuhörerin in Schrecken und genießt ihre Überlegenheit. Das Verbalisieren der Misshandlun- gen kann sogar als deren Fortführung gedeutet werden, denn die gewünschte Wirkung  – Einschüchterung des Gegenübers beziehungsweise Demonstration der eigenen Macht  – wird dadurch gleichfalls erreicht. Neben Gewalt themati- sieren Rachmanowas Bücher auch Machtverhältnisse im alltäglichen Leben. Die Revolution zieht eine Umverteilung der Macht nach sich:  „So hat sich alles ver- ändert. Stepan Petrowitsch Pugowkin, der früher im Spital, wenn er nüchtern war, die Fußböden wusch, ist jetzt eine hochgestellte Amtsperson.“ [440] Die- jenigen, die Macht bekommen haben, müssen sich dessen bewusst werden und tun dies in Rachmanowas Darstellung, indem sie ihre Macht missbrauchen. Wer Macht hat, übt sie willkürlich aus, missbraucht sie etwa bei drastischen Gewalt- exzessen. Heute fand ich Einzelheiten über den Tod Wadims in einer Zeitung. […] Eine Rote Strafabteilung faßte sie und tötete sie nach entsetzlichen Martern. An Wadims Leiche waren Arme und Beine gebrochen, die Nase, die Ohren und die Zunge waren abge- schnitten und in die Augen Holzpflöcke eingetrieben. Auch die andern waren so ver- stümmelt. [353] Es sind keine Bestien, die  – vorgeblich  – im Dienste bolschewistischer Ideen töten, sondern Rotarmisten. Machthaber vor Ort und Handlanger des Sys- tems versuchen, sich als linientreue Kommunisten zu beweisen, indem sie Zukunfts- und Sozial-„Schädlinge“ beseitigen. In diesem Kontext ist die bei Rachmanowa geschilderte Hinrichtung des Staretz Grigori und der Popenfa- milie zu sehen: Auf den Befehl Gorbunows hat man den alten Staretz Grigori von der Insel im See her- gebracht. Gorbunow hat beschlossen, dem Volke zu zeigen, daß seine Heiligkeit und seine Wunder nichts als ein ganz plumper Schwindel seien. Sie brachten ihn gefesselt, zu Fuß, und an seinem Hals hing ein langer Strick. Er wurde vor das Ispolkom geschleppt, eine riesige Menschenmenge sammelte sich an. „Wenn du ein Heiliger bist“, sagte Gorbunow, „dann tu so, daß du nichts davon spürst, was wir jetzt mit dir machen werden!“ […]
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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Titel
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Untertitel
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Autor
Primus-Heinz Kucher
Herausgeber
Rebecca Unterberger
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-631-78199-9
Abmessungen
14.8 x 21.0 cm
Seiten
466
Kategorie
Kunst und Kultur
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