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Ester
Saletta430
den einzigen, der es mit der noch tüchtigeren Kaiserin Katharina II aufnimmt […]. Sie
schätzt ihn als Ratgeber und guten Freund außerordentlich hoch.25
Schlampig, schmutzig, chaotisch und wild, aber auch luxuriös, königlich extra-
vagant und politisch kreativ erscheint Potëmkins einer Statue ähnliches Aus-
sehen in den Augen von Shaw, dessen auktoriale Stimme unter dem fiktiven
Deckmantel des englischen Botschafters Edstaston mit jener eines moralisie-
renden Lehrers weitgehend konvergiert. Gemäß der puritanischen Moral eines
Engländers wie Shaw/Edstaston vertritt der russische Feldmarschall die unge-
lösten Inkongruenzen, das heißt jenen primitiven Dualismus zwischen Natur
und Kultur, der Russlands Lebensart bestimme. Diese müsse die neue Kaiserin
Katharina mit ihrer vergleichsweise zivilisierten Herkunft und Bildung sanie-
ren, um Russland in ein modernes Land zu verwandeln. Katharinas Rolle ist
dabei die eines Pygmalions, der das Land nach Europa ausrichten will. Aber die
eigentliche Kraft ihres Reformstrebens und Zivilisierungsprozesses im Sinne
einer Europäisierung Russlands liegt bei Shaw nicht so sehr in ihrer königlichen
Natur, das heißt in ihrer Dimension als aktive, engagierte Zarin, sondern eher
in ihrem weiblichen Sein. Es ist Katharinas Charisma einer Volksmutter, das
laut Edstaston für die Entstehung des europäisch orientierten Entwicklungspro-
zesses Russlands verantwortlich sei. Zeitgenössische Kritiker haben freilich die
Wiener Aufführung von 1923 eher als leichte Groteske wahrgenommen, wie ein
vermutlich von Alfred Polgar verfasster Bericht für das Prager Tagblatt nahelegt,
wo zu lesen ist: „ein erquicklich heiteres, respektloses Ding ohne Schwere, blü-
hend in Grotesk-Farben. Pretiöses England und barbarisches Rußland stoßen
drollig zusammen.“26 Das Charisma der Volksmutter, der ‚Mammuschka‘,27 war
Shaw vermutlich selbst suspekt und daher die Ironie und groteske Darstellungs-
form wohlüberlegt. In deutschsprachigen Roman-Biographien nahm es dagegen
einen größeren Stellenwert ein, insbesondere bei Gina Kaus:
Die gekauften Bauern sind billiger als jedes andere Arbeitsmaterial und werden ent-
sprechend weniger geschont, ihre Arbeitszeit ist unbegrenzt, ihre Kost minimal, kör-
perliche Züchtigungen sind an der Tagesordnung. Hygienische oder prophylaktische
Einrichtungen gibt es nicht, die Arbeit in den Bergwerken ist nicht nur teuflisch, sie ist
auch lebensgefährlich. […] Zum ersten Mal in der Geschichte Rußlands macht sich ein
Herrscher Gedanken über das Volk, betrachtet ein Herrscher den kleinen Mann nicht
25 G.B. Shaw: Die Grosse Katharina. In: Ders.: Fünf Einakter. Berlin: S. Fischer
1919, S.
11.
26 A[lfred] P[olgar]:
Wiener Shaw-Abend. In: Prager Tagblatt (11.3.1923) S. 7.
27 Vgl. z.B. Moritz Scheyer:
Mammuschka. Zum 200. Geburtstag Katharinas von Ruß-
land. In: Prager Tagblatt (24.3.1929) S. 1–3.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur