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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Seite - 430 -
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Ester Saletta430 den einzigen, der es mit der noch tüchtigeren Kaiserin Katharina II aufnimmt […]. Sie schätzt ihn als Ratgeber und guten Freund außerordentlich hoch.25 Schlampig, schmutzig, chaotisch und wild, aber auch luxuriös, königlich extra- vagant und politisch kreativ erscheint Potëmkins einer Statue ähnliches Aus- sehen in den Augen von Shaw, dessen auktoriale Stimme unter dem fiktiven Deckmantel des englischen Botschafters Edstaston mit jener eines moralisie- renden Lehrers weitgehend konvergiert. Gemäß der puritanischen Moral eines Engländers wie Shaw/Edstaston vertritt der russische Feldmarschall die unge- lösten Inkongruenzen, das heißt jenen primitiven Dualismus zwischen Natur und Kultur, der Russlands Lebensart bestimme. Diese müsse die neue Kaiserin Katharina mit ihrer vergleichsweise zivilisierten Herkunft und Bildung sanie- ren, um Russland in ein modernes Land zu verwandeln. Katharinas Rolle ist dabei die eines Pygmalions, der das Land nach Europa ausrichten will. Aber die eigentliche Kraft ihres Reformstrebens und Zivilisierungsprozesses im Sinne einer Europäisierung Russlands liegt bei Shaw nicht so sehr in ihrer königlichen Natur, das heißt in ihrer Dimension als aktive, engagierte Zarin, sondern eher in ihrem weiblichen Sein. Es ist Katharinas Charisma einer Volksmutter, das laut Edstaston für die Entstehung des europäisch orientierten Entwicklungspro- zesses Russlands verantwortlich sei. Zeitgenössische Kritiker haben freilich die Wiener Aufführung von 1923 eher als leichte Groteske wahrgenommen, wie ein vermutlich von Alfred Polgar verfasster Bericht für das Prager Tagblatt nahelegt, wo zu lesen ist:  „ein erquicklich heiteres, respektloses Ding ohne Schwere, blü- hend in Grotesk-Farben. Pretiöses England und barbarisches Rußland stoßen drollig zusammen.“26 Das Charisma der Volksmutter, der ‚Mammuschka‘,27 war Shaw vermutlich selbst suspekt und daher die Ironie und groteske Darstellungs- form wohlüberlegt. In deutschsprachigen Roman-Biographien nahm es dagegen einen größeren Stellenwert ein, insbesondere bei Gina Kaus: Die gekauften Bauern sind billiger als jedes andere Arbeitsmaterial und werden ent- sprechend weniger geschont, ihre Arbeitszeit ist unbegrenzt, ihre Kost minimal, kör- perliche Züchtigungen sind an der Tagesordnung. Hygienische oder prophylaktische Einrichtungen gibt es nicht, die Arbeit in den Bergwerken ist nicht nur teuflisch, sie ist auch lebensgefährlich. […] Zum ersten Mal in der Geschichte Rußlands macht sich ein Herrscher Gedanken über das Volk, betrachtet ein Herrscher den kleinen Mann nicht 25 G.B. Shaw:  Die Grosse Katharina. In:  Ders.:  Fünf Einakter. Berlin:  S. Fischer 1919, S.  11. 26 A[lfred] P[olgar]:  Wiener Shaw-Abend. In:  Prager Tagblatt (11.3.1923) S.  7. 27 Vgl. z.B. Moritz Scheyer:  Mammuschka. Zum 200. Geburtstag Katharinas von Ruß- land. In:  Prager Tagblatt (24.3.1929) S.  1–3.
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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Titel
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Untertitel
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Autor
Primus-Heinz Kucher
Herausgeber
Rebecca Unterberger
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-631-78199-9
Abmessungen
14.8 x 21.0 cm
Seiten
466
Kategorie
Kunst und Kultur
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