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Katharina die Große in Literatur, Theater und Film 431
als ein Objekt der Ausnutzung. Katharinas erste Maßnahmen richten sich gegen die
Privilegierten:
sie schafft den größten Teil der Monopole ab[.]
28
Katharinas Modernisierungsplan für Russland implizierte eine Dosis wohltätiger
Hilfsbereitschaft – „Sie ist die sanfteste, gütigste, die gemütlichste Hausfrau, die
man sich denken kann. […] Es ist bekannt, daß ihre strahlende, warme, herz-
liche Liebenswürdigkeit nicht nur ihren Freunden und Gästen, sondern auch
dem geringsten ihrer Diener gilt.“29 –, ferner die Überwindung der Spaltungen
zwischen Alt und Neu, Westen und Osten, Arm und Reich und ist bei Shaw
das Resultat einer virtuellen Neugeburt. Katharinas Liebe für Potëmkin gebiert
dabei metaphorisch ein „Kind“: das moderne und emanzipierte Russland. Die
private und öffentlich komplizenhaft zur Schau gestellte Beziehung zwischen
den Beiden vermag die russische Reform- und Gründerzeit in Bewegung set-
zen. Deswegen weist Edstaston Katharina auf die Notwendigkeit hin, auch eine
Hochzeit zu arrangieren und in der Folge eine konventionelle Familie nach
außen vorzustellen. In dieser Perspektive identifiziert Shaw das Politische mit
dem Menschlichen; Katharina die Große verwandelt sich von der tyrannisch,
skrupellos, ja mörderisch überlieferten Monarchin in einen warmherzigen, fast
naiv überzeichneten Engel des Herdes:
Geben Sie Europa ein Beispiel, Majestät, und tun Sie, was ich zu tun im Begriff bin. […]
Heiraten Sie irgendeinen braven Menschen, der Ihnen auf Ihre alten Tage eine Stütze
und eine Zuflucht sein wird. […] Sie werden mir noch mehr danken, wenn Sie erst an
Winterabenden neben Ihrem Gatten am Kamin sitzen und Ihre Kinder auf den Knien
wiegen.30
Vor Kaus’ Romanbiographie hat in Wien zunächst ein anderer, inzwischen aus
dem Blickfeld geratener Text die Katharina-Rezeption wesentlich mitkonturiert
und geprägt: die Komödie Die kleine Katharina von Albert Savoir. Das Stück
erlebte am 19.12.1930 am Akademietheater in der Übertragung durch Bertha
Zuckerkandl seine deutschsprachige Erstaufführung und stand nahezu ohne
Unterbrechung ein Jahr hindurch am Spielplan, obwohl vor allem konservative
Blätter es
– wie auch die Wahl des Aufführungsortes
– heftig kritisierten. So stufte
zum Beispiel die Reichspost das „reichlich frivole Stück“ als Zumutung ein; „daß
uns diese Komödie nun […] am Akademietheater vorgesetzt wird, das ist ein
ganz unglaublicher, ein unerhörter Verstoß“31 – eine Einschätzung, welcher die
28 Gina Kaus:
Katharina die Große. Biographie. Berlin: Ullstein 1935, S. 282 bzw. 276.
29 Ebd., S.
392.
30 Shaw, Die Grosse Katharina, S. 55.
31 B. [d.i. Hans Brečka]: Die kleine Katharina. In: Reichspost (21.12.1930), S. 20.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur