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282 Gesa Lehrmann
Mutterliebe thematisiert.31 Wie Feuerbachs Freund und späterer Biograf Julius Allgeyer
treffend festhielt, erfasste Feuerbach den Medeastoff in seinem »menschlich tiefsten
Gehalt«, evoziert beim Betrachter eine Einfühlung in die gequälte Seele Medeas.32
Hatte Eitelberger eine poetische Auslegung von Historienmalerei propagiert, die »die
innern Vorgänge der Seele, Gedanken und Stimmungen verkörpert«, und betont, dass
die Historienmalerei in der Verbildlichung des Mythos ihren »höchsten künstlerischen
Ausdruck findet«, so dürfte er seine kunsttheoretischen Forderungen in Feuerbachs
Bildern verwirklicht gesehen haben.33 Feuerbach selbst bezeichnete seine Iphigenie als
»Personifikation der Sehnsucht«, Marianne Arndt deutete Feuerbachs Medea in Ana-
logie dazu als »Personifikation der Melancholie«.34 Mit der Auswahl Feuerbachs ent-
schied sich Eitelberger also für eine Historienmalerei, die anhand von mythologischen
Stoffen zu einer am klassizistischen Ideal orientierten Bildauffassung fand, die überzeit-
lich gültige Aussagen über die menschliche Existenz zulässt. Geradezu idealtypisch ließ
sich Feuerbachs Kunst mit der von Eitelberger geforderten Anknüpfung der Histori-
enmalerei an intellektuelle Inhalte in Einklang bringen, setzten die Bilder Feuerbachs
beim Betrachter doch stets eine genaue Kenntnis ihrer literarischen Grundlagen voraus.
.
31 Euripides, Medea (hg. in dt. von J.
C. Donner), Stuttgart 2006, S.
49.
32 Zit. nach Allgeyer, Anselm Feuerbach (zit. Anm. 14), Bd. II, S. 159. Die Empathie des Betrach-
ters erwirkt Feuerbach u. a. dadurch, dass er, wie Marianne Arndt und Helene Seifert herausgestellt
haben, die Mutter-Kind-Gruppe formal an Caritas-Darstellungen anlehnt (Arndt, Die Zeichnun-
gen Anselm Feuerbachs [zit. Anm. 18], S. 50 ; Seifert, Feuerbach und die Antike [zit. Anm. 17],
S.
96). Dadurch verkörpert Feuerbach Medea, die als Gegenfigur zur Madonna und Familienmutter
verstanden werden kann (Eva und die Zukunft. Das Bild der Frau seit der Französischen Revolu-
tion [Ausst.-Kat. Hamburg, Kunsthalle, hg. von W. Hofmann], Hamburg 1986, S. 247), in einer
Mütterlichkeit, die für die Figur der Kindsmörderin äußerst ungewöhnlich ist. Innerhalb der Kunst-
geschichte gibt es praktisch keine Werke, die Medeas Liebe zu ihren Kindern derart stark in den
thematischen Vordergrund erheben, wie Feuerbach dies in der zweiten Fassung des Abschieds der
Medea tut. Eine Ausnahme bildet Daniel Chodowieckis Titelvignette zu Friedrich Wilhelm Gotters
Medea (1787). Aber auch hier ist der Dolch Medeas unmissverständlich in das Blickfeld des Be-
trachters gerückt. Eine noch stärkere Konzentration des Bildgehaltes auf das Seelenleben Medeas
findet sich in Feuerbachs Bildern Medea mit dem Dolche (1871, Öl/Lw. Mannheim, Städtische Kunst-
halle) und Medea an der Urne (1873, Öl/Lw. Privatbesitz), die beide Medeas Trauer und Verzweiflung
nach dem vollzogenen Kindermord veranschaulichen. Zu Feuerbachs Medeadarstellungen vgl.: G.
Lehrmann, Medea. Der Mythos im Blick Anselm Feuerbachs, Magisterarbeit, Göttingen 2011 u. G.
Lehrmann, Medea. Der Mythos in der Interpretation Anselm Feuerbachs und William Wetmore
Storys, in : Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft, 67, 2013, S.
147–164.
33 Eitelberger, Geschichte und Geschichtsmalerei (zit. Anm.
24), S.
288 f.
34 Feuerbach, Rom, Montag, 1870, in : Kern/Uhde-Bernays, Feuerbachs Briefe an seine Mutter (zit.
Anm.
14), Bd.
II, S.
252 ; Arndt, Die Zeichnungen Anselm Feuerbachs (zit. Anm.
18), S.
61.
Open Access © 2019 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN
Rudolf Eitelberger von Edelberg
Netzwerker der Kunstwelt
- Title
- Rudolf Eitelberger von Edelberg
- Subtitle
- Netzwerker der Kunstwelt
- Authors
- Julia Rüdiger
- Eva Kernbauer
- Kathrin Pokorny-Nagel
- Raphael Rosenberg
- Patrick Werkner
- Tanja Jenni
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20925-6
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 562
- Category
- Biographien