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Maddalena Guiotto
zu einer Geste der Versöhnung auf. Die Regierung war also für De Gasperi
am Ende seiner Rede wieder ein möglicher politischer Gesprächspartner73.
Am 16. Oktober 1918 wurde das Manifest „An Meine getreuen öster-
reichischen Völker“ von Karl I. erlassen, in dem der Kaiser die Umstrukturie-
rung Cisleithaniens in einen Bund freier Völker verkündete und zur Bildung
von Nationalräten aufrief, die zur Föderalisierung Österreichs beitragen soll-
ten74. Die italienischen Abgeordneten – geteilt wie es auch ihre Programme
für die Nachkriegszeit waren – bildeten keinen italienischen Nationalrat,
stattdessen formierte sich am 24. Oktober 1918 der italienische Nationalbund,
bestehend aus den Liberalen des Trentino und der Adriaregion sowie den
Katholiken Istriens und des Trentino. Das Amt des Präsidenten übernahm
Enrico Conci, Sekretär wurde De Gasperi. Sie verfassten einen Antrag, der
am darauffolgenden 25. Oktober, dem letzten Sitzungstag des Parlaments des
habsburgischen Österreichs, verlesen wurde. Darin verkündete die italie-
nische Gruppierung, dass sich die italienischen Gebiete auf Grundlage der
von Wilson verkündeten Prinzipien von der Monarchie lösen würden, um
sich mit ihrem Nationalstaat zu vereinigen. Die italienischen Abgeordneten
lehnten daher die Aufnahme von Verhandlungen über die Zukunft sowohl
mit der Regierung als auch mit den Vertretern der Nationalitäten ab75. Nach
dieser letzten Erklärung begaben sich Conci, De Gasperi, Malfatti, der libe-
ral-nationale Triester Abgeordnete Edoardo Gasser und der liberal-nationale
Istrianer Lodovico Rizzi über die Schweiz auf die Reise nach Rom. Sie nah-
men somit nicht an der letzten Sitzung der beiden Kammern des Reichsrats
am 12. November 1918 teil, die nur wenige Minuten dauerte.
73 Die Rede vom 4. Oktober 1918 in: StPAH, XXII Session, 87. Sitzung 4427–4431; auch in:
De Gasperi, Scritti e discorsi politici, Bd. I/2 1977–1990, hier: 1977 f. und 1985.
74 Das Manifest „An Meine getreuen österreichischen Völker“ wurde veröffentlicht in:
Helmut Rumpler, Das Völkermanifest Kaiser Karls vom 16. Oktober 1918 (Wien 1966) 88–91.
75 StPAH, XXII Session, 93. Sitzung, 25. Oktober 1918 4680 f. Siehe außerdem Umberto
Corsini, La questione nazionale nel dibattito trentino, in: Problemi di un territorio di confi-
ne. Trentino e Alto Adige dalla sovranità austriaca all’accordo Degasperi – Gruber, hrsg. von
Umberto Corsini (Trento 1994) 91–144, hier: 143 f. Zu Conci siehe Enrico Conci, Ricordi di un
deputato trentino al tramonto dell’Impero (1896–1918), hrsg. von. Mirko Saltori (Trient 2013).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918