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Alcide De Gasperi und die österreichische Politik vom Reich bis zum „Anschluss“
nationalen Kommunismus sowie den liberalen Individualismus, die bereits
vollkommen abgenutzt erschienen87.
Als wir schrieben, das kleine Österreich wäre zu einem auf politischer Ebene
interessanten Experimentierland bestimmt, waren wir schlichte Propheten. Bereits
in der Vergangenheit, so De Gasperi weiter, hatte Österreich reichlich katho-
lische Reformprojekte und -programme, begonnen bei Karl von Vogelsang
– dem vielleicht ersten und profundesten Befürworter der korporativen Neu-
gestaltung in Europa – bis hin zu Monsignore Seipel, der das Repräsentativ-
system mittels der Korporationen wieder ins Gleichgewicht bringen wollte.
Diesen Projekten und Programmen mangelte es jedoch an begünstigenden
historischen Umständen oder es fehlte ihnen die Durchsetzungskraft der
Vollzieher. Dollfuß vereint das gute Schicksal mit Willenskraft88. Tatsächlich
schritt das Umbauprojekt des Staates auf korporativer, christlich inspirierter
Basis voran89. In seiner Programmrede vom 11. September 1933 („Trabrenn-
platzrede“) hatte Dollfuß seinen Willen zur Schaffung des christlichen, deut-
schen Sozialstaates Österreich, auf korporativer Basis unter einer starken autoritären
Regierung90 erklärt. Arbeitsminister Schmitz hatte schon mit der Umsetzung
seines Planes begonnen, schrieb De Gasperi im Jänner 1934, und verkünde-
te den Übergang zur korporativen Gestaltung der 1918 errichteten Arbeiter-
kammern.
Die Reichspost vom 17. Dezember versicherte in einem Kommentar, dass es
sich um eine neue, eigene Reform handelt, nach den Kriterien der Quadra-
gesimo anno, obgleich nicht geleugnet werden darf, dass das eindrucksvolle
Beispiel des neuen Italiens wertvolle Erfahrungen und Anlehnungspunkte
geboten hat. […] Die korporative Reform muss […] sich vorsichtig zwischen
den vielen Felsen bewegen!91
87 Formigoni, L’Europa vista dal Vaticano 186. Der Ausdruck „totalitär“ wurde schon in
der Quindicina vom 1. Juli 1933 in Bezug auf die nationalsozialistische Politik verwendet,
siehe: Spectator, QI, 1. Juli 1933 2076.
88 Spectator, QI, 1. Oktober 1933 2101, 2105. (Übers. d. Verf.)
89 Spectator, QI, 1. Jänner 1934 2127.
90 Helmut Wohnout, Regierungsdiktatur oder Ständeparlament? Gesetzgebung im auto-
ritären Österreich (= Studien zu Politik und Verwaltung 43, Wien-Köln-Graz 1993) 105.
91 Spectator, QI, 1. Jänner 1934 2127 f. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918