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Maddalena Guiotto
1934 kam es in Österreich zu einer neuen autoritären Wende, als im Februar
der sozialistische Widerstand blutig niedergeschlagen und die Partei verboten
wurde92. Im Mai desselben Jahres wurde die neue ständische Verfassung verab-
schiedet, die den gewollten Bruch mit der demokratischen Verfassung von 1920
und der dieser zugrunde liegenden Idee der Volkssouveränität darstellte93. Es
kam zu einer starken Dominanz der Exekutive, nahezu die gesamte Staatsge-
walt lag in den Händen des Kanzlers. Es handelte sich im Grunde genommen
um eine Kanzlerdiktatur, die Dollfuß mit seiner Verfassung geschaffen hatte
und die von seinem Nachfolger Kurt Schuschnigg vollendet werden sollte94.
Auch nach dieser autoritären Wende von 1934 blieb De Gasperis Ein-
stellung gegenüber dem österreichischen Experiment positiv und offen.
Wenn echter Korporativismus funktionieren würde, würde man auch die
Zustimmung des Volkes wiedergewinnen, das dem Sozialismus nachgege-
ben hatte, der
immer einen Fuß im Parlament und einen anderen auf der Barrikade hatte.
Dollfuß’ Sieg ist sicher nicht endgültig, außer er erobert die Seelen der Arbei-
terklasse zurück. Der wahre Korporativismus beginnt jetzt. […] Die Anzei-
chen, dass es den Christsozialen glückt, einen Teil der ehemaligen Sozialisten
zu gewinnen, sind zahlreich95.
De Gasperi ging dann die Ergebnisse des Prozesses der Verfassungsreform,
der gerade mit der Erbauung Dollfuß’ Ständestaates beendet war, durch. Der
Ständestaat orientierte sich an der katholischen Lehre und war ein Kompro-
miss zwischen den Wünschen der Christlichsozialen und der Heimwehr.
Bisher ist es mehr zu einer Zusammensetzung als zu einer Verschmelzung
mit dem Binom Dollfuß und Starhemberg gekommen. […] Nun ist vor allem
92 Zu den Ereignissen siehe Goldinger, Binder, Geschichte der Republik Österreich
210–228; Kurt Bauer, Februar und Juli 1934 – neue Forschungsergebnisse, in: Österreich 1934
– das Spiel mit dem Feuer. Versuch einer differenzierten Betrachtung. Ergebnisse des 19.
Wiener Kulturkongresses vom 4./5. November 2014, hrsg. von Michael Dippelreiter, Chris-
tian Prosl (Klagenfurt–Celovec 2015) 67–80.
93 Siehe: Goldinger, Binder, Geschichte der Republik Österreich 228–232.
94 Helmut Wohnout, Das autoritäre Österreich 1933/34–1938, in: Die umkämpfte Repub-
lik, hrsg. von Karner 49–56, hier: 53.
95 Spectator, QI, 1. März 1934 2151 f. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918