Page - 81 - in Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Image of the Page - 81 -
Text of the Page - 81 -
81
Alcide De Gasperi und die österreichische Politik vom Reich bis zum „Anschluss“
sondern schrieb kommentarlos von den Eindrücken, die der Wiener Korres-
pondent der Freiburger „Liberté“ an seine Zeitung geschickt hatte. Es waren
sechsundneunzig Stunden seit dem „Anschluss“ vergangen, so heißt es in
dem Zitat, und diese Stunden
haben viele Niederträchtigkeiten offengelegt, viel Unterwürfigkeit, viel kläg-
liche Abtrünnigkeit, dass wir uns angeekelt von einem solchen Schauspiel
entfernen. […] man bäumt sich auf und ist fassungslos angesichts dieser Elen-
den, die sich fieberhaft und bisweilen fanatisch gegen den Nazismus gestellt
haben und die heute lauter als die anderen ‚Sieg Heil‘ rufen, als wäre der Sieg
des Führers ihnen zu verdanken. Etwas mehr Diskretion, meine Herren!
Nun, wo der „Anschluss“ vollzogen war, so schloss das Zitat, gab es keine
Wege zurück mehr; wer realistisch war, musste die neue Sachlage anerkennen
und versuchen, sich dieser zu fügen. Das heißt nicht, dass viele Personen hin-
sichtlich ihrer Vergangenheit besser daran tun würden, zu schweigen! 108
Als sich nun der Tag des österreichischen Plebiszits zur Anerkennung
des Geschehenen näherte, veröffentlichte De Gasperi in der „Quindicina“ –
ohne diesen zu kommentieren – den Text der österreichischen Bischöfe, in
dem der Nationalsozialismus mit Wohlwollen begrüßt und die Bevölkerung
dazu aufgefordert wurde, sich im deutschen Reich am Tag der Volksabstim-
mung zu vereinen. Er fügte jedoch eine Präzisierung des „Osservatore Roma-
no“ hinzu, demzufolge dieses Dokument mit der Anfügung einer Art Schutz-
klausel gelesen wurde, das heißt unter Vorbehalt der Rechte Gottes und der Kirche.
Außerdem sei die Erklärung des österreichischen Episkopats ohne jegliche vor-
herige Vereinbarung oder nachträgliche Genehmigung des Heiligen Stuhles verfasst
und unterschrieben worden109.
In der „Quindicina“ vom 1. Mai 1938 beobachtete De Gasperi alarmiert, dass
der „Anschluss“ das politische und kulturelle Experiment der Wiener christ-
lich-sozialen Schule schwerwiegend zu behindern drohte: […] rund um den
Wiederaufbau des autoritären Ständestaates war eine wissenschaftliche Zusammen-
arbeit erblüht, Frucht aus Ideen und Hoffnungen. Nun befand sich dieses Experi-
108 Spectator, QI, 1. April 1938 2699 f. (Übers. d. Verf.)
109 Ebd. 2702 f. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918