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Lothar Höbelt
der deutschösterreichische Rumpfstaat sich ausdrücklich nicht als Nachfol-
ger der k.u.k. Monarchie sehen wollte. Staatskanzler Karl Renner sprach in
den Umsturztagen bezeichnenderweise davon: „Man möchte uns zwingen in
einem Verband mit Österreich zu bleiben“3. Gemeint war damit natürlich das
alte Österreich, der Vielvölkerstaat. Diese Gemeinsamkeit sei angesichts der
feindseligen Haltung insbesondere der Tschechoslowakei leider nicht mehr
aufrecht zu erhalten oder neu zu begründen, argumentierte Renner. Als Al-
ternative bleibe nur der Anschluss an das Deutsche Reich4. Doch dieser An-
schluss wurde nicht bloß untersagt, auch das Deutsche Reich selbst verhielt
sich in dieser Beziehung äußerst zurückhaltend. Es wollte sich die Option auf
einen Anschluss Österreichs zu einem späteren Zeitpunkt selbstverständ-
lich offen halten, scheute zunächst aber vor allen Schritten in dieser Richtung
zurück: Die Prioritäten der Berliner Politik lagen anderswo: Im Rheinland,
beim polnischen Korridor, bei den Reparationen. Jegliche Debatte über den
Anschluss konnte die deutsche Position in all diesen Fragen nur gefährden5.
Wenn Österreich für seine Anliegen hic et nunc Unterstützung bei den
Großmächten suchte, blieb ihm daher nur die Wahl zwischen den Mitglie-
dern der siegreichen Entente. Die angelsächsischen Mächte galten als freund-
lich, auch wenn sich die Österreicher in dieser Beziehung vielleicht manchen
Illusionen hingaben6. Vor allem aber: Sie waren „zu weit vom Schuss“ und
zeigten sich an mitteleuropäischen Fragen nur am Rande interessiert, oder
zumindest nicht interessiert genug, um deshalb einen Konflikt mit ihren
Bündnispartnern zu riskieren. De facto handelte es sich für die Wiener Politik
in allen wesentlichen Fragen daher allein um eine Wahl zwischen Frankreich
und Italien. Teile der Christlichsozialen Partei setzten auf Frankreich, insbe-
sondere die Tiroler, die alles tun wollten, um den Verlust Südtirols vielleicht
3 Der Österreichische Staatsrat. Die Protokolle des Vollzugsausschusses, des Österrei-
chischen Staatsrates und der geschäftsführenden Staatsratsdirektion 21. Okt. 1918 bis 14.
März 1919, Bd. 1 hrsg. von Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Peter Mähner (Wien
2008) 350 (11.11.1918).
4 Ebd. 282 f., 294 (8.11.1918).
5 Zur deutschen Außenpolitik vgl. Hans-Christof Kraus, Versailles und die Folgen. Au-
ßenpolitik zwischen Revisionismus und Verständigung 1919–1933 (Berlin 2013).
6 Dem christlichsozialen Klub schwärmte Renner z.B. im April 1919 vor: „England und
Amerika über unsere Politik erfreut. England gibt [sich] besondere Mühe, uns zu verpflegen.
Von England und Amerika und It[alien] niemals politische Bedingungen. England nicht das
geringste einzuwenden gegen den Anschluss, da süddeutsches Interesse stärker wird, das
kontin[ental] und nicht maritim orientiert.“ Christlichsoziale Partei, Klubprotokolle 3.4.1919.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918