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Italien als Vorbild für Österreich?
der sich am meisten um politische Verbindungen bemühte, sorgte 1930 für
Aufregung, als er vom „Obereigentum der Gemeinschaft“ sprach – und da-
mit die Aufregung vorwegnahm, die Ugo Spirito zwei Jahre später in Italien
mit seiner Forderung nach der corporazione proprietaria auslöste30.
Die „Wirtschaft“ reagierte auf derlei Floskeln allergisch. Die Alpi-
ne-Montan-Gesellschaft, der größte Industrie- und Bergbaukonzern Öster-
reichs, förderte in seinem Bereich die Heimwehren massiv. Ihr Generaldi-
rektor Anton Apold ließ seinen Schwiegersohn in spe, den Grazer Dozenten
Hans Riehl, für das Management der Firma auch tatsächlich Seminare über
korporatistische Ideen abhalten. Doch auch er konnte seine Bedenken über
die Eingriffe der Gemeinschaft in die Freiheit des Unternehmers nicht unter-
drücken. Die letzte Entscheidung in Lohnfragen wollte er keinesfalls einem
Schiedsgericht überantworten. Der Hauptverband der Industrie aber ließ den
Heimwehren 1930 ausrichten: Wir raten ab, theoretische Ergüsse des Dr. Heinrich,
die ja wissenschaftlich ganz interessant sein mögen, offiziell als Programm zu pro-
klamieren.31
Heinrich war es auch, der sich intensiv mit dem italienischen Modell
auseinandersetzte, das er in einer mehrfach aufgelegten Studie der deutschen
Leserschaft vorstellte. Heinrich begegnete dem Faschismus zweifellos mit
Sympathie, aber auch mit einer gewissen unverkennbaren Herablassung. Ins-
besondere zwei Aspekte waren Gegenstand seiner Kritik: Heinrich vermisste
zum einen die richtige philosophische Grundlage des faschistischen Experi-
ments. Er postulierte: Das Schicksal hängt von geistiger Grundlegung ab, doch der
Faschismus habe noch keine zureichende Staatslehre entwickelt. In dieser Bezie-
hung urteilte er wegwerfend über Giovanni Gentile, der seiner Meinung nach
bloß einen nicht zu seinen Gunsten umgeformten Hegelianismus vertrat. Giuseppe
Bottai und Carlo Costamagna kamen bei Heinrich besser weg, aber auch hier
war ihm das etatistische Moment zu stark ausgeprägt, waren für ihn gewisse
“Savonarola von Graz”, des Priesters DDDr. Johannes Ude, der 1927 mit seiner „Antikorrup-
tionsliste“ gegen Seipels Einheitsliste (!) zu den Wahlen antrat.
30 Giordano Bruno Guerri, Giuseppe Bottai. Fascista (Milano 1996) 92–97; Guido Melis,
La macchina imperfetta. Immagine e realtà dello Stato fascista (Bologna 2018) 434 ff.; Höbelt,
Heimwehren 72.
31 Tagebuch Anton Apold (Privatbesitz Salzburg) 16.1. & 5.6.1930; Der Österreichische
Bund (18.12.1926); Schneller, Zwischen Romantik und Faschismus 34.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918