Page - 96 - in Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Image of the Page - 96 -
Text of the Page - 96 -
96
Lothar Höbelt
dann wenige Monate später auf den Punkt zurückgekommen, um den Druck
auf die Sozialdemokratie aufrecht zu erhalten, nicht aus Liebe zu den stän-
dischen Theorien, wie er selbst offen eingestand. Seipel sah in ständischen
Theorien einen Rammbock gegen das Korsett des Parteienstaates, von ihren
Meriten war er keineswegs überzeugt. Tatsächlich hatte er sich schon im Vor-
jahr bei seiner berühmten Tübinger Rede im Sommer 1929 den Seitenhieb
nicht verkneifen können:
Es müßte schon zu denken geben, dass gerade ganz individualistisch einge-
stellte, altliberale Parteien heute am eifrigsten mit dem Ständenamen werben
gehen.39
1931 erschien dann die päpstliche Enzyklika Quadragesimo Anno, unglück-
seligerweise gerade in der Woche, als die größte österreichische Bank zu-
sammenbrach, die Creditanstalt. Spanns „Universalisten“ und die Schule der
katholischen „Solidaristen“ gerieten sich prompt über die Exegese der Enzy-
klika in die Haare. Mitarbeiter von Pius XI. wie Oswald Nell-Breuning ver-
wahrten sich später gerne gegen den Vorwurf, aus der Enzyklika lasse sich
eine positive Bewertung des faschistischen Korporativismus herauslesen.
Das war ganz offensichtlich richtig, nicht etwa, weil die Enzyklika hier be-
sonders klare Worte gefunden hätte, sondern aus dem einfachen Grund, weil
es faschistische „Korporationen“ damals noch gar nicht gab – bloß ein Mi-
nisterium, das diesen Namen führte, aber ohne seine tatsächliche Auswirkung,
das heißt die Korporationen40. Vorhanden waren bloß die dreißig Aphorismen der
Carta del Lavoro mit ihrer „syndikalistischen“ Einheitsgewerkschaft, dem
Streikverbot und den obligatorischen Schiedsgerichten41.
39 Reichspost (18.7.1929) 3; Friedrich Rennhofer, Ignaz Seipel, Mensch und Staatsmann.
Eine biographische Dokumentation (Wien 1978) 655–660; Höbelt, Heimwehren 105.
40 Gianpasquale Santomassimo, La terza via fascista. Il mito del corporativismo (Roma
2006) 221.
41 Helmut Wohnout, Regierungsdiktatur oder Ständeparlament? Gesetzgebung im auto-
ritären Österreich (Wien 1993) 48 ff.; Salvatore Lupo, Il fascismo. La politica in un regime to-
talitario (Roma 2000) 223; Loreto Di Nucci, Lo Stato-partito del fascismo. Genesi, evoluzione
e crisi 1919–1943 (Bologna 2009) 330 ff.; Guerri, Bottai 79; Melis, macchina imperfetta 413 ff.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918