Page - 97 - in Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Image of the Page - 97 -
Text of the Page - 97 -
97
Italien als Vorbild für Österreich?
3. Der „Austrofaschismus“
Die Heimwehren distanzierten sich anfangs noch gerne vom Faschismus,
weil alles, was seinen Ursprung beim alten Kriegsgegner hatte, in der öster-
reichischen Öffentlichkeit auf eine sehr zwiespältige Aufnahme gefasst sein
mußte, nicht bloß auf der Linken, wo sich der sozialdemokratische Abgeord-
nete Wilhelm Ellenbogen als Mussolini-Kritiker vom Dienst profilierte. Die
Heimwehren sahen sich als gegenrevolutionäre Bewegung, die aufgerufen
war, die Heimat vor dem Bolschewismus zu bewahren, ohne sich allzu viel
Gedanken über die Ordnung zu machen, die sie an die Stelle der bestehen-
den, wenig widerstandsfähigen demokratischen Republik zu setzen gedach-
ten. Ein wenig fühlt man sich an die Anekdote aus der Zeit des Kapp-Put-
sches 1920 erinnert: Als die Marine-Brigade Ehrhardt durchs Brandenburger
Tor ins Berliner Regierungsviertel einrückte, soll ihr Anführer zu Kapp ge-
sagt haben: „Nu, Kapp, regieren Se mal!“
Erst als Steidle dann 1929/30 begann, dem Beispiel Mussolinis von 1921
zu folgen, und seine alpine Variante der squadristi ebenfalls in eine Partei um-
zuwandeln, trat für die Heimwehren die Notwendigkeit in den Vordergrund,
über den reinen „Antimarxismus“ hinaus mit gewissen programmatischen
Grundsätzen an die Öffentlichkeit zu treten. Spann wurde deshalb eingela-
den, Seminare für das Führerkorps der Heimwehr abzuhalten. Im September
1929 bewarb sich Spann vergeblich um den Posten des Handelsministers im
Kabinett des Polizeipräsidenten Johannes Schober, der im Zuge der Verfas-
sungsreform gekonnt zwischen Heimwehr und Sozialdemokraten finassierte
– und von Spann deshalb bald als Verräter abqualifiziert wurde42. Heinrich
führte eine Zeitlang sogar den Titel eines Generalsekretärs der Bundesfüh-
rung (mit dem allerdings keinerlei exekutiven Kompetenzen verbunden wa-
ren).
Im Mai 1930 wurde ein im Wesentlichen von Heinrich entworfener
Text dann im sogenannten „Korneuburger Eid“ als „Richtung und Gesetz der
Heimatwehren“ präsentiert. Der programmatische Kern dieses Gelöbnisses
lautete:
42 Landespolizeidirektion Wien, Schober-Archiv 22, Tagesnotizen 9.9.1929; ASMAE,
Affari Politici, Austria 1919–1930, Pacco 894/I, Bericht des Presseattaches Morreale vom
24.1.1930.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918