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Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
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103 Italien als Vorbild für Österreich? In Italien hatte der Staat den Korporativismus nicht aus seiner Kontrolle ent- lassen, solange bis Bottai schon davon sprach, für eine geeignete Anwendung der Gewerkschafts- und Korporationsgesetze bedürfe es einer Bewegung gegen den Staat, oder besser gesagt, gegen die Bürokratenoligarchie58. Die österreichi- schen Theoretiker des Korporativismus hatten gegen die etatistische Kom- ponente des italienischen Modells immer wieder ihre Bedenken angemeldet, aber in der Praxis blieb der österreichische „Ständestaat“ als „Kanzlerdikta- tur“ noch viel mehr der zentralen Lenkung durch die Bürokratie verhaftet. In dieser Hinsicht verfügte Italien jetzt tatsächlich über einen Vor- sprung in puncto Korporativismus. Die schönen Paragraphen der österrei- chischen Verfassung von 1934 wurden nie in Kraft gesetzt. Die korporativen Organe blieben der syndikalistischen Ebene verhaftet, die Heinrich so kri- tisiert hatte: Einheitsgewerkschaft und Arbeitgeberverbände, wie im Italien der zwanziger Jahre. Die Phase des eigentlichen Korporativismus wurde auf die lange Bank geschoben. Als schüchterne Ansätze waren zunächst einmal gemeinsame Ausschüsse von Arbeitgebern und Arbeitnehmern geplant; der erste davon kam erst Ende 1937 zustande, kurz vor dem Ende des „Stände- staates“59. Doch auch in Italien blieben die Kompetenzen der Korporationen, wie Bottai kritisierte, von dem absurden Phänomen charakterisiert: „norme ca- dute in disuso prima dell’uso“60. Waren es in Italien die Komplexe der ver- staatlichten Industrie (wie z.B. die IRI), die sich im Zeichen von Wirtschafts- krise und Abessinienkrieg über das Ritual des corporativismo hinwegsetzten, so stießen die österreichischen Ansätze in der „Finanzdiktatur“ des Natio- nalbankpräsidenten Viktor Kienböck auf einen übermächtigen Gegner61. Die Staatsrat und den Bundestag nach Parteizugehörigkeit. So seien von 20 Mitgliedern des Bun- destages acht Christlichsoziale, sechs Heimwehrleute, ein Legitimist und fünf Technokraten. 58 Giuseppe Bottai. Diario 1935–1944, hrsg. von Bruno Guerri (Milano 1982) 77 (6.1.1936). (Übers. d. Verf.) 59 Margarethe Grandner, Kollektivverträge und berufsständische Ordnung, in: Ge- schichte zwischen Freiheit und Ordnung. Gerald Stourzh zum 60. Geburtstag, hrsg. von Emil Brix, Thomas Fröschl, Josef Leidenfrost (Graz 1991) 177–201. 60 Santomassimo, Terza via 222. 61 Kienböck war ein Christlichsozialer und enger Mitarbeiter Seipels, verfolgte aber eine klassische „altliberale“ Finanzpolitik; seine Mutter kam aus einer jüdischen Familie.
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Die schwierige Versöhnung Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Title
Die schwierige Versöhnung
Subtitle
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Authors
Andrea Di Michele
Andreas Gottsmann
Luciano Monzali
Editor
Karlo Ruzicic-Kessler
Publisher
Bozen-Bolzano University Press
Location
Bozen
Date
2020
Language
German
License
CC BY-SA 4.0
ISBN
978-88-6046-173-5
Size
16.0 x 23.0 cm
Pages
616
Keywords
20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
Categories
Geschichte Nach 1918
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