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Luca Riccardi
Damit wurde er endgültig zum Überläufer4 und als Irredentist dem Sekre-
tariat für zivile Angelegenheiten des Oberkommandos zugeteilt. Diese Ein-
richtung war für die zivile Verwaltung der von Italien militärisch besetzten
feindlichen Gebiete zuständig und bestand während des Weltkrieges und im
ersten Nachkriegsjahr5. Salata gelang dort der Aufstieg zum Vize-Generalse-
kretär. In dieser Funktion nahm er als Mitglied der italienischen Delegation
und als Berater für Angelegenheiten im Adriaraum an der Pariser Friedens-
konferenz teil, auch wenn seine Tätigkeit bei irredentistischen Kreisen nicht
nur auf Zustimmung stieß6.
Sein durch diese Positionen gewonnenes Prestige veranlasste die Re-
gierung Nitti dazu, ihn im Juli 1919 zum Leiter der neu gebildeten Zentral-
behörde für die neuen italienischen Provinzen zu ernennen, welche die Auf-
gaben der Administration übernahm. Hinzu kam aber die noch beschwer-
lichere Aufgabe, die verwaltungspolitische Vereinigung der annektierten
habsburgischen Territorien vorzubereiten – in einem politischen Kontext,
der noch keine definitive Fixierung der italienischen Ostgrenze zuließ7. Die
Regierung erachtete die Funktion dieser Behörde für so maßgeblich für die
italienische Politik, dass sie die Beteiligung deren Leiters an Ministerrats-
sitzungen anordnete, die Maßnahmen betreffend der befreiten Gebiete zum
Inhalt hatten8.
Auch in der italienischen Außenpolitik kam Salata zu dieser Zeit eine
wichtige Rolle zu. So gehörte er zu jenen, die zu Verhandlungen mit den Ab-
gesandten von D’Annunzio geschickt wurden. Bei diesen Treffen ging es da-
rum, eine Verstärkung der Krise infolge der Invasion in die Stadt Fiume zu
4 Allgemeineres zum Thema in Renato Monteleone, La politica dei fuoriusciti irredenti
nella Guerra Mondiale (Udine 1972).
5 Siehe dazu Ester Capuzzo, Un commis d’Etat tra guerra e dopoguerra. Francesco Salata
nelle carte di Agostino d’Adamo, in: Clio 2 (1995) 245–279; Dies., Salata tra guerra e dopogu-
erra, in: Francesco Salata e le Nuove Provincie nel 90° anniversario dell‘istituzione dell‘Uffi-
cio Centrale per le Nuove Provincie, hrsg. von Unione degli Istriani (Trieste 2011).
6 Ein Beispiel für diese Kritik in Ettore Tolomei, Memorie di vita (Milano 1948) 405.
7 Siehe dazu die wichtige Arbeit von Ester Capuzzo, Dal nesso asburgico alla sovranità
italiana. Legislazione e amministrazione a Trento e Trieste (1918–1928) (Milano 1992) 133 ff.
sowie Riccardi, Francesco Salata 207–230.
8 Zu Salatas Mitwirken im Ministerrat während der Regierungszeit Factas siehe Sit-
zungsprotokolle, veröffentlicht in: Mussolini a pieni voti? Da Facta al duce. Inediti sulla crisi
del 1922, hrsg. von Aldo Alessandro Mola (Torino 2012).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918