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Die katholische Welt Italiens und der christliche Ständestaat
de facto entmachtet war, hatte Dollfuß bekundet, er wolle eine Form finden,
die fähig ist, in unserer Verfassung das korporative Gesellschaftsprinzip geltend zu
machen, das jahrhundertelang das Fundament unseres Staatslebens gewesen ist und
das der Heilige Vater in seiner Enzyklika „Quadragesimo anno“ erneut hervorgeho-
ben hat5. Aus der Perspektive des Kanzlers war die Forderung des politischen
und intellektuellen Erbes seines Vorgängers Prälat Ignaz Seipel ausdrücklich.
Der wahre Dominus der österreichischen Politik der gesamten 1920er-Jahre
hatte bereits in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts – vor allem infolge der blu-
tigen Ereignisse vom 15. Juli 1927, bei denen wieder der „Schutzbund“ eine
tragende Rolle gespielt hatte – das Bild einer Staatsreform reifen lassen, die
das traditionelle Paradigma der repräsentativen Demokratie hinter sich ließ.
Dollfuß’ wohl bedeutendster Auftritt war seine Rede vom 9. September 1933
beim Allgemeinen Deutschen Katholikentag in Wien. Zu diesem Anlass ver-
kündete der österreichische Kanzler, dass wer auch immer Verantwortung bei
der politischen Erneuerung unseres Landes hat, sei er mehr oder weniger überzeugter
Katholik, dem muss am Herzen liegen, dass die katholischen Prinzipien in allen Er-
scheinungen des nationalen Lebens eingeschlossen sind und Wertschätzung erfah-
ren6. Von dieser Vorbedingung ausgehend fuhr er fort: Die jetzige Regierung
ist einmütig entschlossen, im christlich-deutschen Geist die Erneuerung von Staat
und Wirtschaft in die Wege zu leiten. Wir werden ständische Formen und ständische
Grundlagen, wie sie die Enzyklika „Quadragesimo anno“ uns so schön verkündet, zur
Grundlage des Verfassungslebens nehmen. Wir haben den Ehrgeiz, das erste Land zu
sein, das dem Ruf dieser herrlichen Enzyklika wirklich im Staatsleben Folge leistet7.
Die Wiener Zusammenkunft fiel mit dem 250. Jubiläum jener Schlacht
zusammen, bei der die christlichen Truppen die Wien belagernde osmani-
sche Armee besiegt hatten. Ein Jahrestag, an den Papst Pius XI. im „Breve“
erinnerte, mit dem er bei der Festlichkeit Kardinal Pietro La Fontaine, Pat-
5 Siehe Sammlung von Redebeiträgen des Kanzlers. So sprach der Kanzler, hrsg. von
Arnold Tauscher (Wien 1935), die italienische Herausgabe von Mario Bendiscioli beim Ver-
lag Morcelliana. Siehe L’eredità politica di Dollfuss, hrsg. von Arnold Tauscher, Einleitung,
Übersetzung und Anmerkungen von Mario Bendiscioli (Brescia 1935) 67. (Übers. d. Verf.)
6 Tauscher, Eredità 27. (Übers. d. Verf.)
7 Domenico Mondrone, Trionfi di fede nel congresso cattolico di Vienna, in: La Civiltà
Cattolica IV (1933) 125 f. (Übers. d. Verf.). Zum Beitrag von Dollfuß beim Katholikentag in
Wien siehe Emmerich Tálos, Das Austrofaschistische Herrschaftssystem. Österreich 1933–
1938 (Wien 2013) 77 und Erika Kustatscher, „Berufstand“ oder „Stand“? Ein politischer
Schlüsselbegriff im Österreich der Zwischenkriegszeit (Wien 2016) 98.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918