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Paolo Valvo
Università Cattolica del Sacro Cuore
Aus wissenschaftlicher Perspektive wurde der Korporativismus von der
katholischen Welt in Mailand, genauer gesagt an der Università Cattolica
del Sacro Cuore, mit der größten Geschlossenheit und Systematik betrach-
tet. Hauptsächlich waren es die Ökonomen und Historiker des wirtschaft-
lichen Fachbereichs der Hochschule, die sich mit dem Thema seit Ende der
1920er-Jahre befassten, insbesondere Francesco Vito und Amintore Fanfani
– unter der wachsamen Beteiligung des Rektors und Gründers, des Franzis-
kanerpaters Agostino Gemelli16. Letzterer hatte einen Tag nach den Lateran-
verträgen eine Studiengruppe beauftragt, das Thema des Korporativismus
zu vertiefen, um unsere Ideen ein[zu]bringen, sodass sie Gut dessen werden, der
heute die Korporationsbewegung leitet. So erklärte er es in einem Brief vom 9.
März 1929 an den Jesuiten Angelo Brucculeri17, der einer der diesbezüglich
bekanntesten und einflussreichsten Experten im katholischen Umfeld war.
Auf der einen Seite begrüßte der Rektor den in Italien aufkommenden
Korporativismus. Andererseits bestand ein wesentliches Ziel darin, die christ-
liche Auslegung dieses korporativen Ideals weiter[zu]geben, die in den katholischen
Überlegungen so viel Platz eingenommen hatte, ohne dass dies sich in eine flache
Unterwerfung gegenüber dem faschistischen Korporativismus oder das mechanische
Zusammenfließen mit einer Ordnung, die, wie sie war, identisch mit der vorhergesag-
ten schien übertragen würde18. In diesem Sinne wurden Gemellis Aussagen
interpretiert, der in der „Rivista Internazionale di Scienze Sociali“ postuliert
hatte, dass der Faschismus mit der korporativen Grundordnung auf dem wirt-
schaftlichen Gebiet Gestalt angenommen und eine wichtige Originalität an den Tag
16 Siehe dazu Maria Bocci, Oltre lo Stato liberale. Ipotesi su politica e società nel dibattito
cattolico tra fascismo e democrazia (Roma 1999) 197–230 und Lorenzo Ornaghi, La concezio-
ne corporativa di Amintore Fanfani e il corporativismo dell’età fascista, in: Amintore Fanfa-
ni. Formazione culturale, identità e responsabilità politica, hrsg. von Alberto Cova, Claudio
Besana (Milano 2014) 177–194.
17 Für den Inhalt des Briefes siehe Bocci, Oltre lo Stato liberale 197. (Übers. d. Verf.)
18 So auch Bocci, Oltre lo Stato liberale 197 f. Damit stimmt auch Lorenzo Ornaghi über-
ein: „Die recht deutliche Debatte zum Korporativismus, die in diesen Jahren an der Universi-
tät Cattolica del Sacro Cuore und besonders bei ihren Ökonomen und Wirtschaftshistorikern
Gestalt annimmt, ist – weit davon entfernt, in ihrer reinsten Form, die eigennützige ideolo-
gisch-doktrinäre Annäherung der Universität der italienischen Katholiken an das Regime
oder sogar eine Art Anpassung an die Vorgaben des Faschismus darzustellen – […] tatsäch-
lich als Versuch auszulegen, wesentlich auf den Kulturkampf […] im Inneren des Regimes
einzuwirken“. Ornaghi, La concezione corporativa di Amintore Fanfani 178. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918