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Paolo Valvo
vismus gebunden 24. Die bestehende Verbindung zwischen den beiden Ländern
wurde in der Zeitschrift „Vita e Pensiero“ auch von Gino Barbieri deutlich
gemacht, für den die christliche Vorstellung eines starken, aber nicht die un-
zerstörbare menschliche Persönlichkeit leugnenden Staats Dollfuß und das Modell
Hitlerdeutschlands unterschied und die korporative faschistische Idee, die Italien
der Welt lehrt 25 näherbrachte.
Die den Entwicklungen in der österreichischen Politik entgegenge-
brachte Aufmerksamkeit an der italienischen katholischen Universität wurde
durch persönliche Kontakte gefördert, die Gemelli mit einigen der bedeu-
tendsten kulturellen und politischen Vertretern des Landes pflegte. In einem
Brief an Dollfuß Anfang Oktober 1933 erklärte Gemelli, er habe in den Zeitun-
gen Ihre mutigen Aussagen bezüglich einer christlichen Neugründung Österreichs
gelesen, bat um den Segen Gottes für Ihr Werk und sprach am Ende den Wunsch
aus, der Kanzler möge die laufenden Reformen in Österreichin der „Rivista
Internazionale di Scienze Sociali“26 erläutern, deren Chefredakteur zu jener
Zeit der fünfundzwanzigjährige Amintore Fanfani war27. Ein Wunsch, dem
Dollfuß jedoch nicht nachkommen konnte. Mehr Glück hatte Gemelli zuvor
mit Seipel gehabt, der mit „Vita e Pensiero“ von 1927 bis 1930 zusammen-
arbeitete28. Maßgebend war der im November 1929 veröffentlichte Artikel, in
dem der Ex-Kanzler – sich auf die Reformperspektiven des österreichischen
politischen Systems stützend – die Parteien einerseits als ein notwendiges Inst-
rument der Demokratie, weil ohne sie nicht von einer frei gewählten Volksvertretung
gesprochen werden kann, bezeichnete; andererseits könne man jedoch anderer
24 Vito, Le premesse dell’economia corporativa internazionale 559. (Übers. d. Verf.)
25 Gino Barbieri, Crisi economica, in: Vita e Pensiero 4 (1934) 231. (Übers. d. Verf.)
26 Generalarchiv für Geschichte der Università Cattolica del Sacro Cuore, Korrespon-
denzbestand, Karton 49, Akte 70, Unterakte 666, Gemelli an Dollfuß, 2. Oktober 1933. Die
deutsche Originalversion des Briefes mit einer italienischen Übersetzung wurde von Gio-
vanni Gobber veröffentlicht, Agostino Gemelli e il contesto mitteleuropeo. Note dalle carte
dell’Archivio, in Storia dell’Università Cattolica del Sacro Cuore, Bd. VI, Agostino Gemelli e
il suo tempo, hrsg. von Maria Bocci (Milano 2009) 387 f.
27 Siehe dazu Daniela Parisi, L’esperienza della direzione della „Rivista Internazionale
di Scienze Sociali“, in: Cova, Besana, Fanfani, 129–144.
28 An die Zusammenarbeit mit der Mailänder Zeitschrift erinnerte auch der Heraus-
geber des Tagebuchs von Seipel, welches 1933 postum veröffentlicht wurde: Ignaz Seipel,
Mensch, Christ, Priester in seinem Tagebuch, Bearbeitung und Einführung von Rudolf
Blüml (Wien 1933) 16 f. Zusammen mit „Vita e Pensiero“ erinnerte Mario Bendiscioli auch
an die Zusammenarbeit von Seipel mit „Studium“. Bendiscioli, La vita interiore di Ignazio
Seipel 83.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918