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Die katholische Welt Italiens und der christliche Ständestaat
3. Von Seipel bis Dollfuß: der Mythos des
katholischen Staatsmanns
So wie das ständische Österreich das Modell eines vollendeten christlichen
Staates repräsentieren wollte, schien auch Dollfuß selbst alle Vorausset-
zungen zu erfüllen, um für viele Katholiken das Modell eines „christlichen
Staatsmanns“ zu verkörpern75. Der „Mythos Dollfuß“76, von dem sich hier
reden lässt, war bald länderübergreifend verbreitet. Das Ereignis, welches
die Person des Kanzlers endgültig in die Welt des italienischen Katholizis-
mus einschrieb, war seine Ermordung beim nationalsozialistischen Putsch-
versuch am 25. Juli 1934. Die katholische Publizistik nahm nun eine entschie-
denere apologetische Haltung ein; ab 1933 begleitet von einer Darlegung der
Geschehnisse, in der es nicht an der Hervorhebung der Tugenden des „tap-
feren Kanzlers“ mangelte77. Am Tag nach der Ermordung schrieb „La Civiltà
Cattolica“ zum Beispiel, dass Dollfuß in der Blüte der Jahre für die Unabhängig-
keit seines Vaterlands gefallen war und zitierte Ausschnitte eines Telegramms
zur Trauerbekundung, das Pius XI. dem Bundespräsidenten Miklas sendete,
um dem inbrünstigen Katholiken zu gedenken, dem treuen Sohn der Kirche, dem
tapferen Verteidiger des Vaterlands78. Gemäßigter, aber nicht weniger teilnahms-
voll, war der Kommentar von Guido Gonella, der im „L’Osservatore Romano“
beklagte, dass das Werk des österreichischen Kanzlers vom Terrorismus niederge-
schlagen [wurde], zum Zeitpunkt seiner vollen Wirksamkeit zur Umsetzung einer
mutigen Politik, die nicht nur Österreich interessierte, sondern ganz Europa79.
In „Studium“ betonte Rosa die Tatsache, dass mit Dollfuß vielmehr als
eine politische Vorstellung oder Meinung, eine moralische und religiöse Richtung der
Verwaltungs- und Regierungsform bestraft wurde und brachte seinen Tod mit
75 Mit dieser Betitelung („der christliche Staatsmann“) beginnt beispielsweise einer der
Abschnitte in der bereits erwähnten Sammlung von Redebeiträgen Dollfuß’, herausgegeben
von Arnold Tauscher und in Italien vom Verlag Morcelliana publiziert.
76 Siehe dazu Lucile Dreidemy, Der Dollfuß-Mythos. Eine Biographie des Posthumen
(Wien 2014).
77 So zum Beispiel Cronaca contemporanea, in: La Civiltà Cattolica IV (1933) 102 f.
78 Cronaca contemporanea, in: La Civiltà Cattolica III (1934) 333 ff. (Übers. d. Verf.)
79 Acta diurna, in: L’Osservatore Romano 6.–7. August 1934, nun in: Guido Gonella, Ver-
so la 2° Guerra mondiale. Cronache politiche. „Acta diurna“ 1933–1940, hrsg. von Francesco
Malgeri (Roma–Bari 1979) 68. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918