Page - 168 - in Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Image of the Page - 168 -
Text of the Page - 168 -
168
Paolo Valvo
Angesichts des tragischen Endes der österreichischen Unabhängigkeit wur-
den die von Dollfuß angeregten Bestrebungen und Illusionen in der italie-
nischen katholischen Welt nun zu einer Art von kollektivem Nekrolog, was
Don Angelo Novelli in einem in der theologischen Zeitschrift des erzbischöf-
lichen Seminars von Mailand veröffentlichten Beitrag zusammenfasst. So
schreibt der Geistliche:
Das Ideal, für das er [Dollfuß] kämpfte und dem er zum Opfer fiel, ist in der
Geschichte festgeschrieben, durch die von ihm ausgearbeitete Verfassung des
österreichischen Bundesstaats und das Konkordat mit dem Heiligen Stuhl,
die beide am 1. Mai 1934 in Kraft traten. Der durch die Verfassung errichtete
Staat fügte in die religiösen und politischen Traditionen des österreichischen
Volks mit einer geistreichen Originalität die besten Praktiken der zeitgenöss-
ischen Soziologie ein.118
Von dem in den katholischen Kreisen Italiens vorherrschenden Meinungs-
bild unterschied sich die Beurteilung Sturzos ein weiteres Mal. Ein Jahr nach
den Geschehnissen führte er seine Überlegungen zu den Grenzen des öster-
reichischen Modells in dem Buch „Church and State“ aus, wobei er der Idee
des Bestehens eines katholischen Staates in der zeitgenössischen Welt einen
tödlichen Schlag versetzte:
In der Vorstellung des katholischen (oder christlichen) Staats liegt im Grunde
eine nicht korrekte Betrachtung der Geschichte: Diese ist nicht umkehrbar;
der historische Prozess schreitet trotz seiner Rückschritte immer voran. Ei-
ner Erfahrung folgt die nächste und jede hat ihren eigenen Charakter. Der
christliche Staat des 20. Jahrhunderts kann weder der korporative des Mitte-
lalters sein noch der konfessionelle der Reformation und auch nicht der Zu-
sammenschluss von Thron und Altar der Restauration. Wir haben heute die
totalitären Diktaturen oder liberalen Demokratien oder unklare Zwischenfor-
men, die letztendlich eher instabile und tyrannische Regierungen darstellen
oder vorübergehende und anarchische Demagogie. Die Kirche hat nicht zu
entscheiden, denn die Wahl der Politik des Staats ist nicht ihre Aufgabe, aber
dies darf nicht mit dem totalitären Staat verwechselt werden, nur weil es ka-
118 Angelo Novelli, Anschluss, in: La Scuola Cattolica, 15. Juni 1938 253. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918