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Franz Marek und der italienische Kommunismus
In Österreich präsentierte sich die Lage gänzlich anders: Bei der KPÖ handel-
te es sich nicht um eine Partei, mit der sich die breite Arbeiterschaft identi-
fizierte. Die Rolle der „Arbeiterpartei“ hatte die Sozialistische Partei Öster-
reichs (SPÖ) inne. Diese nahm jedoch zunehmend sozialdemokratischere
Züge an. Die Teilung Österreichs in vier Besatzungszonen bis Mai 1955 er-
schwerte die Arbeit der KPÖ zusätzlich14. Diese konnte zu keinem Zeitpunkt
mehr als sechs Prozent der Wählergunst erreichen, was nicht zuletzt auf das
Verhalten der sowjetischen Besatzungsmacht – mit der viele die KPÖ identi-
fizierten – und das abschreckende Beispiel der Vorgänge in den neuen „Volks-
demokratien“ Osteuropas zurückzuführen war15. Ähnlich wie der PCI war
auch die österreichische KP bis 1947 in der Regierung vertreten. Bereits bei
den Wahlen vom November 1945 hatte allerdings das schwache Wahlresultat
der KPÖ zu ihrer Marginalisierung geführt. Den KPÖ-Plan, im von der So-
wjetunion besetzten Osten des Landes eine „Volksdemokratie“ zu errichten,
lehnte Moskau kategorisch ab16. Nach dem Ende der Besatzung Österreichs
verlor die KPÖ durch den Abzug der Sowjetunion jegliche Einflussmöglich-
keit auf die Politik des Landes.
Franz Mareks Auseinandersetzung mit dem italienischen Kommunis-
mus beginnt in dieser wichtigen historischen Periode. Hiernach begleitete
er jeden Schritt der italienischen Genossen und schloss Freundschaften mit
vielen Intellektuellen und Kadern der Partei, mit denen er Zeit seines Lebens
korrespondierte. Als Chefredakteur von „Weg und Ziel“ kommentierte er die
Entwicklungen, theoretischen Debatten und Ambitionen im PCI. Antonio
Gramsci war sein Leitstern. Schließlich nahm Marek gemeinsam mit einer
kleinen Gruppe in den 1960er Jahren bereits „eurokommunistische“ Tenden-
zen ein17.
14 Zur KPÖ zwischen 1945 und 1955 siehe: Manfred Mugrauer, Die Politik der KPÖ in
den Jahren 1945 bis 1955/56, in: 90 Jahre KPÖ. Studien zur Geschichte der Kommunistischen
Partei, hrsg. von Ders. (Wien 2009) 37–52.
15 Josef Meisel, Die Mauer im Kopf. Erinnerungen eines ausgeschlossenen Kommunis-
ten 1945–1970 (Wien 1986): Franz Muhri, Kein Ende der Geschichte (Wien 1995) 136 f.
16 Wolfgang Mueller, The USSR and the Fate of Austrian Communism 1944–1956, in
Qualestoria 1 (2017) 63–88; Ders., Die Teilung Österreichs als politische Option für KPÖ und
UdSSR 1948, in: Zeitgeschichte 1 (2005) 47–54.
17 Siehe: Maximilian Graf, The Rise and Fall of “Austro-Eurocommunism”. On the “Cri-
sis” within the KPÖ and the Significance of East German Influence in the 1960s, in: Journal
of European Integration History 20 (2014) 203–218.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918