Page - 196 - in Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Image of the Page - 196 -
Text of the Page - 196 -
196
Karlo Ruzicic-Kessler
einander wahrnahmen. In den 1970er Jahren beteiligte sich Marek schließlich
auch gemeinsam mit Georges Haupt, Ernesto Ragionieri, Eric Hobsbawm,
Vittorio Strada und Corrado Vivantian an den Bänden der „Storia del Marxis-
mo“, die im Einaudi Verlag erschien118.
Tatsächlich bricht die Bedeutung von Marek und Ernst Fischer für die
italienischen Kommunisten nicht ab. Anlässlich des Todes Fischers im Som-
mer 1972 gedachte man dem Philosophen und Theoretiker nicht nur als „Lie-
be[n] Genosse[n] und Freund“, sondern bezeichnete dessen und Mareks Wir-
ken nach dem Parteiausschluss als „weiterhin revolutionär und brillant“119.
Die Worte der beiden Österreicher wurden den italienischen Genossen in die-
sem Sommer ans Herz gelegt, um die Gedanken nicht zuletzt Gramscis und
Togliattis besser zu verstehen, wobei auch die Geschehnisse um 1968 Eingang
fanden. Die Parteiführung der KPÖ kritisierte diesen Artikel in einem Brief
nach Rom scharf und in der Novemberausgabe von „Weg und Ziel“ erschien
eine Replik. Franz Muhri und Erwin Scharf meinten, dies könne als Einmi-
schung der IKP in die Angelegenheiten der KPÖ angesehen werden120. Die Antwort
des erst seit März an der Parteispitze stehenden Enrico Berlinguer auf die
Anschuldigungen aus Wien war sehr deutlich. Er zeigte sich in seinem Brief
an Muhri und Scharf negativ überrascht und verteidigte die Linie des PCI und
die Artikel der Parteizeitung121. Ein ähnlicher Vorfall von 1973 zeigt, dass die
italienischen Kommunisten den Gedanken Mareks und Fischers deutlich nä-
herstanden als jenen der KP-Führung. Als die Editori Riuniti die Erinnerungen
und Reflexionen von Ernst Fischer publizierten, erging ein weiterer scharfer
Brief an die Führung des PCI:
Wir haben aus der antisowjetischen und gegen unsere Partei gerichteten Zeit-
schrift „Wiener Tagebuch“ entnommen, dass im Verlag der KPI […] das Buch
von Ernst Fischer „Erinnerungen und Reflexionen“ mit einem Vorwort von
einem Mitglied des Zentralkommitees der KPI – Ernesto Ragionieri – erschie-
nen ist. Diese Tatsache ruft bei uns Erstaunen und Befremden hervor, da es
118 Storia del Marxismo, 5 Bde. (Torino 1978–1982) hrsg. von Eric Hobsbawm et al.
119 La controversia per Pegaso, in: l’Unità (8.9.1972).
120 ZK der KPÖ an das ZK des PCI, Generalsekretär Enrico Berlinguer, gez. Franz Muhri,
Erwin Scharf, 29.9.1972, FIG, APCI, 1972, Esteri, mf. 53, 1101.
121 Enrico Berlinguer an Franz Muhri und Erwin Scharf, 18.10.1972, FIG, APCI, 1972, Este-
ri, mf. 53, 1106.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918