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Maximilian Graf
durch den PCI und dessen sich entwickelnde Kritik an der Sowjetunion zu-
nächst nichts. Dies bedeutet aber nicht, dass Kreisky die offene und öffentli-
che Auseinandersetzung mit den westeuropäischen kommunistischen Par-
teien sowie mit dem Kommunismus an sich scheute.
In einem publizierten Gespräch mit Leo Bauer17 machte er kein Hehl
daraus, dass er von den kommunistischen Reformdiskussionen und der sich
daraus ergebenden Dialogbereitschaft im Westen wenig hielt: Ich sehe dies al-
les, ich bin aber nicht bereit, irgendwelche Konzessionen zu machen. Distanzierende
Stellungnahmen zu Moskau hielt er noch für Opportunismus. Dem PCI attes-
tierte er, jene Partei zu sein, die am erfolgreichsten den Eindruck zu erwecken ver-
steht, daß sie sich geistig von Moskau unabhängig gemacht habe. Er sah aber bisher
noch keine überzeugenden und schlüssigen Beweise dafür, daß es sich um eine echte
Politik handelt und nicht um eine opportunistische Taktik aus innenpolitischen Er-
wägungen. Von Bauer auf das Bestreben des PCI Regierungspartei zu werden
angesprochen, gab Kreisky zu bedenken:
Woher weiß ich, daß man in Moskau nicht sagt, hier können wir es uns erspa-
ren, die italienische Partei zu kritisieren, denn der Zweck heiligt hier wirklich
die Mittel. Das wäre natürlich ein ungeheurer Erfolg, wenn es den Kommu-
nisten gelänge, in einem so wichtigen Land wie Italien einen Teil der politi-
schen Macht zu ergreifen, weil man ja genau weiß, daß es ja dann nicht mehr
lange dauerte, bis sie die ganze Macht hätten.
Bei Kreisky überwog also ganz eindeutig das Misstrauen. Immerhin sah er
die Entwicklung als Prozess und hielt eine künftige Revision seiner Einschät-
zung im Lichte der weiteren Entwicklung für möglich18.
Der Weg zum „Eurokommunismus“ (ein im Jahr 1975 entstandener
Begriff19) war tatsächlich noch ein weiter. Der PCI sah sich durch Kreiskys
17 Der frühere Kommunist Leo Bauer war im Zuge einer politischen Säuberung in der
Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, der ostdeutschen Staatspartei, von einem sow-
jetischen Militärgericht abgeurteilt worden und in Lagerhaft in Sibirien gekommen. 1955
wurde er entlassen und in die Bundesrepublik Deutschland abgeschoben, wo er der SPD
beitrat, journalistisch tätig war und zu einem Berater Willy Brandts wurde.
18 Sozialdemokratie und Kommunismus (I). Ein Gespräch mit Leo Bauer (1969), in: Bruno
Kreisky, Aspekte des demokratischen Sozialismus (München 1974) 68–86.
19 Für die besten Zusammenfassungen zum „Eurokommunismus“ siehe: Silvio Pons,
The rise and fall of Eurocommunism, in: The Cambridge History of The Cold War, Bd. III.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918