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Bruno Kreisky und die italienische Linke – ein Forschungsdesiderat
sorgen, daß er nach Österreich zurückkehren dürfe, um hier irgendwo seinen
Lebensabend in Ruhe zu verbringen24.
Leider gibt Kreisky kein Datum seiner Unterredung mit Berlinguer an. Vor
demselben Problem steht man beim Antwortschreiben Berlinguers, das un-
datiert ist, jedoch nach Oktober 1973 erfolgt sein muss. Ob es vor oder nach
dem Treffen mit Kreisky verfasst wurde, geht nicht daraus hervor. Jedenfalls
zeigte er sich in seinem Brief nicht mit Kreiskys Lesart des Falles Reder ein-
verstanden. Seiner Ansicht nach war Reder nicht bloß ein alter Mann, son-
dern ein Symbol dessen, wogegen alle italienischen Parteien gekämpft hatten
– das, worin sich alle antifaschistischen Organisationen trafen25. Zu den Inter-
aktionen zwischen Kreisky und Berlinguer bleibt für künftige Forschungen
viel Raum. Natürlich auch, ob die beiden sich über den italienischen Reform-
kommunismus ausgetauscht haben. Dies gibt Kreisky in seinen Memoiren
ebenfalls nicht preis. Hier könnten weitere Forschungen in der Überlieferung
des PCI neue Erkenntnisse zu Tage fördern.
In der europäischen Sozialdemokratie herrschte Uneinigkeit über den
Umgang mit den „Eurokommunisten“. Während Mitterrand in Frankreich
sein Heil in der union de la gauche suchte, standen andere Parteiführer wie der
deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt derartigen Konzepten ablehnend
gegenüber. Auch Kreisky hatte nachdem Mitterrand sein Modell der Einbin-
dung von Kommunisten auf einer Konferenz sozialdemokratischer Parteiführer
im Juni 1974 in Chequers auf dem Landsitz des britischen Premierministers
präsentiert hatte, darauf hingewiesen, daß der Kommunismus auch in der Phase
der Entspannung Kommunismus bliebe. Anfang 1976 als ein Wahlsieg des PCI
bei den Parlamentswahlen ein halbes Jahr später möglich schien, traf sich die
gesamte sozialdemokratische Elite Europas im dänischen Helsingør, wo die
Auseinandersetzungen über die Frage der Zusammenarbeit mit den „Euro-
kommunisten“ ihren Höhepunkt erreichte. Mitterrand warb dafür, Schmidt
warnte davor. Auch der britische Labour-Premier Harold Wilson war dage-
gen. Der schwedische Ministerpräsident Olof Palme gab sich moderater und
meinte, dies solle je nach Land entschieden werden. Willy Brandt sprach sich
24 Kreisky, Mensch 234 ff.
25 Berlinguer an Kreisky, nach Oktober 1973, FIG, Archivio del Partito Comunista Italia-
no, 1973, CL 245.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918