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Bruno Kreisky und die italienische Linke – ein Forschungsdesiderat
Treffen zu finden, um jene „pangermanische“ Verdächtigung von vornherein aus-
zuschließen51.
Kreisky war mit Salchers Sicht vollkommen einverstanden52 und antwor-
tete Craxi in diesem Sinne. In seinem Schreiben bezeichnete er engere Kontakte
auch in Bezug auf Südtirol als sehr wünschenswert und verwies auf die be-
stehende Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Parteien in der Alpen-
region. Zu gemeinsamen Gesprächen mit der SPD merkte er an, aus optischen
Gründen ein Treffen im Rahmen der Sozialistischen Internationale vorzuziehen53.
Hiermit war der Rahmen für die Parteikontakte von SPÖ und PSI in Bezug
auf Südtirol klar abgesteckt. Jedoch war Kreisky an einem engeren Austausch
mit Craxi durchaus interessiert.
Nachdem der erste Versuch, Craxi nach Wien einzuladen, im Sande
verlaufen war, unternahm Kreisky Anfang 1979 einen neuen Anlauf. Diesmal
lud er ihn in seiner Funktion als Präsident des Wiener Renner-Instituts ein,
um einen Vortrag über die gegenwärtige politische Lage in Italien zu halten und
hoffte auf eine positive Antwort54. Das Timing war denkbar schlecht, denn
die vom PCI gestützte Minderheitsregierung der DC unter Ministerpräsident
Giulio Andreotti befand sich in der Krise. Am 19. März wurde das vierte Ka-
binett Andreotti angelobt und am 27. Juni standen Parlamentswahlen an. Erst
Ende März antwortete Craxi und merkte an, dass unsere innenpolitische Lage
kaum Zeit für aussenpolitische Angelegenheiten übrig lässt. Er hoffte auf ruhigere
Zeiten und eine Realisierung des Vortrags im Herbst55. Ob es dazu gekom-
men ist, geht aus den Akten nicht hervor.
Als Kreisky im Herbst 1979 von angeblichen Plänen zur Schließung
des Wiener Büros der staatlichen italienischen Rundfunkanstalt RAI erfah-
ren hatte, wandte er sich erneut an Craxi und bat ihn einem solchen Schritt im
Rahmen seiner Möglichkeiten entgegenzuwirken. Nicht nur die Berichterstattung
über in Wien stattfindende internationale Ereignisse schien gefährdet, sondern
auch die kontinuierliche Berichterstattung über Österreich. Dazu merkte Kreisky
51 Salcher an Kreisky, 19. Jänner 1978, Kreisky Archiv, Prominentenkorrespondenz, Box 13.
52 Kreisky an Salcher, 20. Februar 1978, Kreisky Archiv, Prominentenkorrespondenz, Box 13.
53 Kreisky an Craxi, 20. Februar 1978, Kreisky Archiv, Prominentenkorrespondenz, Box 13.
54 Kreisky an Craxi, Wien, 15. Februar 1979, Kreisky Archiv, Prominentenkorrespon-
denz, Box 13.
55 Craxi an Kreisky, 30. März 1979, Kreisky Archiv, Prominentenkorrespondenz, Box 13.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918