Page - 260 - in Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Image of the Page - 260 -
Text of the Page - 260 -
260
Andrea Di Michele
2. „Der Aufbau einer dauerhaften Freundschaft“
Die neu entstandene Republik Österreich wurde in Italien nicht als Feind ge-
sehen, zwischen den beiden Ländern sollten völlig neue Beziehungen ent-
stehen. Am 10. September 1919 schrieb der „Corriere della Sera“, dass der
Untergang der Monarchie – der in dem Artikel überwiegend Italien zuge-
schrieben wurde – als Befreiung zu sehen war, nicht nur für die Nationalitä-
ten, sondern auch für die österreichische Republik16. Dem negativen Bild des
habsburgischen Österreich wurde eine positive Sicht (Deutsch-)Österreichs
gegenübergestellt. Die Annäherung zwischen Österreich und Italien beruhte
auf gegenseitigen Interessen. Für Rom war Wien das Tor nach Mitteleuropa,
die Brücke zwischen Italien und dem Donauraum, wo sich für Italien viele
Möglichkeiten für die Erschließung neuer Märkte boten. Mit der Auflösung
der Doppelmonarchie war hier ein Machtvakuum entstanden, das Italien
als Siegermacht und Nachbarland ausnützen wollte17. Die Erlangung einer
zentralen Rolle in diesem Raum setzte gute und dauerhafte Beziehungen zu
Österreich voraus. Für das kleine und hungernde Österreich war Italien die
wichtigste Siegermacht, mit der man eng zusammenarbeiten wollte. Aus den
Schriften und politischen Reden der Nachkriegszeit geht hervor, dass beide
Länder die alten Denkmuster und Vorurteile überwinden wollten, um ein
neues Kapitel gemeinsamer Geschichte aufzuschlagen. In seinem Schreiben
an den österreichischen Botschafter in Bern behauptete der Staatssekretär für
Äußeres, Otto Bauer, dass mit der Auflösung der Monarchie alle Gründe der
alten Feindschaft beseitigt worden seien und nun die Möglichkeit und auch der
volle Wille unsererseits bestehen, eine dauerhafte Freundschaft aufzubauen. Dass
Rom großzügige Hilfe bei der Lebensmittelversorgung leistete, wurde von
vielen als deutliches Zeichen dafür gesehen, dass Italien den alten Hass aus-
rotten wollte. Das einzige Element, das einen Keil zwischen Österreich und
Italien trieb, schien die Südtirolfrage18.
16 Stefan Malfèr, Un programma escluso oppure prolungato? Pregiudizi tra Austria e
Italia negli anni Venti, in: Felix Austria Italia infelix? Tre secoli di relazioni culturali ita-
lo-austriache, hrsg. von Nicoletta Dacrem (Roma 2004) 125 ff., hier: 131.
17 Hans Haas, Le relazioni italo-austriache dall’armistizio di Villa Giusti al trattato di
Saint Germain, in: Storia e Politica 12/3 (1973) 411 ff.
18 Schreiben von Otto Bauer an Stephan Haupt, 9. Jänner 1919, zitiert nach Malfèr, Un
programma escluso oppure prolungato? 135. Zur Erbfeindschaft zwischen Österreich und
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918