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Von der Annexion bis zur faschistischen Ära
Italien setzte sich sofort für eine Zusammenarbeit mit den besiegten Mächten
Österreich, Deutschland und Ungarn ein. Durch das jahrzehntelange Bünd-
nis zwischen diesen Ländern waren enge Beziehungen entstanden, man
arbeitete in unterschiedlichsten Bereichen zusammen, von der Politik und
Kultur über die Verwaltung bis hin zum Militär. Der Besuch des österreichi-
schen Bundeskanzlers Karl Renner beim italienischen Ministerpräsidenten
Francesco Saverio Nitti im April 1920 in Rom war nach den Pariser Friedens-
konferenzen das erste offizielle Staatstreffen zwischen Sieger und Verlierer.
Wie beide Staatsmänner berichteten, fand dieses Treffen im Zeichen der Zu-
sammenarbeit statt, ohne Feindseligkeit oder Forderungen. Eine ähnliche
Haltung, die auf Versöhnung und Annährung ausgerichtet war, entwickel-
te sich auch zwischen Italien und Deutschland. Der vom Krieg verursachte
Bruch war also nicht unüberwindbar19. Schwieriger waren hingegen die Be-
ziehungen Italiens zur Entente. Bereits während des Krieges waren sie von
tiefem Misstrauen geprägt, denn Italien hatte die Seiten gewechselt, außer-
dem hatten die Alliierten sehr unterschiedliche Interessen20. Zu Kriegsende
spitzte sich die Lage weiter zu, weil sich Rom zu sehr auf die Punkte, die
ihm im Londoner Vertrag (damals in einem völlig anderen Zusammenhang)
zugesichert worden waren, versteifte. Überdies beharrte Italien auf seiner
antijugoslawischen Haltung, während sich bereits der italienisch-französi-
sche Antagonismus im Donauraum und am Balkan anbahnte. Die Entschei-
dung der italienischen Delegation, die Friedenskonferenz frühzeitig zu ver-
lassen, verstärkte die antiitalienischen Gefühle der alliierten Delegationen21.
Die Beziehungen zwischen Italien und der Entente wurden auch belastet,
weil sich England, Frankreich und die Vereinigten Staaten weigerten, Italien
Italien siehe Joe Berghold, Italien – Austria. Von der Erbfeindschaft zur europäischen Öff-
nung (Wien 1997). (Übers. d. Verf.)
19 Stefan Malfèr, Wien und Rom nach dem ersten Weltkrieg. Österreichisch-italienische
Beziehungen 1919–1923 (Wien 1978) 42 ff.; Karl Renner, Österreich von der ersten zur zwei-
ten Republik (Wien 1953) 38; Francesco Saverio Nitti, L’Europa senza pace (Firenze 1921)
231 f.; Luciano Monzali, „Cancellare secolari fraintendimenti“. Appunti sulle relazioni fra
l’Italia liberale e la Prima Repubblica Austriaca, in: Römische Historische Mitteilungen 60
(2018) 329–366.
20 Luca Riccardi, Alleati non amici. Le relazioni politiche tra l’Italia e l’Intesa durante la
prima guerra mondiale (Brescia 1992).
21 Rodolfo Mosca, L’Austria e la politica estera italiana dal trattato di St. Germain all’av-
vento del fascismo al potere (1919–1922), in: Storia e Politica 13/1–2 (1974) 17–32; Monzali, La
politica estera italiana.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918