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Andrea Di Michele
und Weizen importieren könne, der jungen polnischen Armee wurden im
Gegenzug Ausrüstung und Ausbildner zur Verfügung gestellt32. In der ersten
Nachkriegszeit waren diese militärischen Delegationen die einzige italieni-
sche Vertretung in den Nachfolgestaaten der Donaumonarchie, sie übernah-
men daher auch politisch-diplomatische Aufgaben.
Ein äußerst wichtiges Element bei der schnellen Annäherung Roms
und Wiens war das gemeinsame Ziel, die Bestrebungen des Königreichs der
Serben, Kroaten und Slowenen (Königreich SHS) aufzuhalten – dies war in
der unmittelbaren Nachkriegszeit einer der wichtigsten Grundsätze der ita-
lienischen Außenpolitik. Da die südöstliche Grenze Österreichs nicht klar
definiert war, lag eine Zusammenarbeit zwischen den beiden Staaten nahe.
Indem Rom die Gebietsansprüche Österreichs unterstützte, positionierte man
sich klar gegen die expansionistischen Bestrebungen Jugoslawiens.
Rom zögerte lange, den neuen südslawischen Staat anzuerkennen.
Insbesondere sollte ein direkter Kontakt zwischen dem Königreich SHS und
der Tschechoslowakei vermieden werden. Italien drängte auf eine Barriere
aus nichtslawischen Staaten zwischen den beiden Ländern – bestehend aus
Österreich, Ungarn und Rumänien –, die gute Beziehungen zueinander und
zu Italien pflegen sollten33. Wichtig war Italien auch die Sicherung der Bahn-
verbindung zwischen Triest und Wien. Die politische und militärische Füh-
rung befürchtete nämlich, dass die Verbindung zwischen dieser wichtigen
Hafenstadt und Mittel- und Osteuropa durch Jugoslawien unterbrochen
werden könnte. Auch deshalb unterstützte Italien die österreichischen terri-
torialen Ansprüche in Kärnten und in der Steiermark gegen diejenigen des
Königreichs SHS. Italien trat vor allem in Kärnten für die Interessen Öster-
reichs ein und nutzte dafür auch die eigene militärische Präsenz, weiters ver-
mittelte man auch im Konflikt zwischen Österreich und Ungarn hinsichtlich
des Burgenlands34.
32 Alessandro Gionfrida, Missioni e addetti militari italiani in Polonia (1919–1923). Le
fonti archivistiche dell’Ufficio Storico (Roma 1996) 81 ff.
33 Francesco Caccamo, L’Italia e la „Nuova Europa“. Il confronto sull’Europa orientale
alla conferenza di pace di Parigi (1919–1920) (Milano 2000).
34 Wolfgang Altgeld, Jugoslawien und Österreich als Faktoren der italienischen Außen-
politik 1918–1920, in: Kärntens Volksabstimmung 1920. Wissenschaftliche Kontroversen und
historisch-politische Diskussionen anläßlich des internationalen Symposiums Klagenfurt
1980, hrsg. von Helmut Rumpler (Klagenfurt 1981) 125–149; Arnold Suppan, Jugoslawien und
Österreich 1918–1939. Bilaterale Außenpolitik im europäischen Umfeld (Wien–München
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918