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Südtirol zwischen Österreich und Italien in den 1930er Jahren
rung ab 1928 um und unterstützte fortan einen rechten Umsturz im „Roten
Wien“4.
Unter diesen Vorzeichen kam es unter der Regierung Johannes Schober zu
einer Normalisierung der Beziehungen, setzte Schober doch auf eine italie-
nisch-ungarisch orientierte Politik. Die Annäherung kulminierte in einem
Besuch des österreichischen Bundeskanzlers in Rom, sodass dieser am 6. Fe-
bruar 1930 verkünden konnte, dass es gelungen sei, die Wiederherstellung guter
nachbarlicher und freundschaftlicher Beziehungen zu Italien durch einen Freund-
schafts- und Schiedsgerichtsvertrag zu besiegeln5. Schobers Kabinett gelang es
jedoch in der Folge nicht, die von Italien auch finanziell unterstützten Heim-
wehren einzubinden oder politisch zu befrieden, was schließlich zum Sturz
seiner Regierung im September 1930 führte.
Die unter seinem Nachfolger, Bundeskanzler Otto Ender (1930/31) er-
reichte österreichisch-deutsche Zollunion beeinträchtigte dann allerdings
die auf fruchtbarem Weg scheinende italienisch-österreichische Annäherung
neuerlich. Enders Nachfolger, Engelbert Dollfuß, blieb zumindest in der ers-
ten Phase seiner Amtszeit gegenüber Italien skeptisch und zurückhaltend,
ebenso wie sich Mussolinis Diplomaten bis in den September 1934 nicht einig
darüber waren, ob nun Dollfuß eher eine „linksgerichtete“ oder eher eine
„rechtsgerichtete“ Regierung anstrebe. Erst die Vermittlung Ungarns sowie
Dollfuß′ unmissverständliche Einbindung des rechten Lagers in Form der
Aufnahme von Heimwehr-Mitgliedern in seine Regierung führten zu einer
neuerlichen Annäherung zwischen Rom und Wien sowie zu einer offensiven
Unterstützung Mussolinis6.
Die Machtübernahme Hitlers im Jänner 1933 veränderte allerdings
den Handlungsspielraum von Kanzler Dollfuß. Neben Rücktrittsforderun-
gen verlangten die österreichischen Nationalsozialisten Neuwahlen und
organisierten Massendemonstrationen in Wien. Diese Ereignisse werden in
der historischen Forschung häufig auch als Grund für die Zerschlagung des
Parlamentarismus in Österreich gewertet. Auf Basis des kriegswirtschaftli-
4 Jens Petersen, Die Außenpolitik des faschistischen Italien als historiographisches
Problem, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 22/4 (1974), 417–457, hier: 422–425.
5 Bundeskanzler Johann Schober, Radioansprache in Berlin [Auschnitt], Februar 1930.
Österreichische Mediathek, Sammlung Frühe historische Tonaufnahmen, http://www.me-
diathek.at/atom/135E86AA-177-002C8-000004A4-135DCBB9 (letzter Zugriff 18.01.2018).
6 Wohnout, Bundeskanzler Dollfuß 607–610.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918