Page - 280 - in Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Image of the Page - 280 -
Text of the Page - 280 -
280
Eva Pfanzelter
chen Ermächtigungsgesetzes aus dem Jahr 1917 nahm Dollfuß die Krise im
Nationalrat zum Anlass für dessen Auflösung. Ab März 1933 regierte Doll-
fuß ohne Parlament, es folgten Pressezensur, Versammlungsverbot und die
sukzessive Ausschaltung der Legislative. Per Verordnung wurden 1933 der
Republikanische Schutzbund aufgelöst und die Kommunistische Partei Ös-
terreichs verboten7. Der Bundeskanzler setzte nun sowohl innenpolitisch
als auch außenpolitisch zunehmend auf die Unterstützung Mussolinis bei
der Abwehr der Nationalsozialisten und für die Beseitigung der Sozialde-
mokratie. Im April 1933 kam es zu einem ersten Zusammentreffen Dollfuß′
mit Mussolini in Rom. Die Stimmung dabei war offensichtlich exzellent. Der
österreichische Bundeskanzler konnte sich bei dieser Gelegenheit die Unter-
stützung des Duce sichern, Mussolini jedenfalls schrieb in einer Aktennotiz
nach dem Besuch:
Österreich besitzt eine eigene definierte historische Persönlichkeit und eine
spezifische Aufgabe im Donauraum. Österreich möchte unabhängig bleiben,
obwohl es Sonderbeziehungen mit Deutschland pflegt, die auf ethnischen und
kulturellen Gemeinsamkeiten beruhen. Dem Staat Österreich möchte ich
sagen, dass ich Dollfuß’ Stellungnahme vollkommen unterstütze und füge
hinzu, dass er in dieser Beziehung auf meine Freundschaft und auf Italiens
Hilfe zählen kann. Die Beziehungen zu Ungarn sind ausgezeichnet. Die Wirt-
schaftslage hat sich nicht verschlimmert. Dollfuß unterhält sich mit mir auch
über seine Pläne bezüglich der Verfassungsreform, denen ich insgesamt zu-
stimme. Es herrscht eine sehr positive Stimmung ihm gegenüber. Je energi-
scher und konsequenter er handeln wird, desto besser wird diese Stimmung
sein – das halte ich ihm gegenüber fest.8
Zu Südtirol sagte Dollfuß bei diesem Treffen nicht viel, er bat allerdings da-
rum – ohne sich in irgendeiner Weise in inneritalienische Angelegenheiten
einmischen zu wollen –, Mussolini möge doch in Sachen Privatunterricht den
7 Ebd. 610–620.
8 Colloquio fra il Capo del Governo e Ministro degli Esteri, Mussolini, e il Cancelliere
Federale e Ministro degli Esteri Austriaco, Dollfuss, Appunto, Rom, 12.04.1933, in: I Docu-
menti Diplomatici Italiani (DDI), Settima Serie: 1922–1935, Volume XII: 1 gennaio–15 luglio
1933, hrsg. von Ministero degli affari esteri/Commissione per la pubblicazione dei docu-
menti diplomatici (Roma 1989) 440 f. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918